Schwangerschaftsabbruch Was genau passiert bei einer Abtreibung?

Bei einer ungewollten Schwangerschaft kreisen die Gedanken oft um das Thema Abtreibung. Wir erklären, was dabei genau passiert. © Fizkes / Shutterstock.com

Was genau geschieht bei einer Abtreibung und danach? Das Thema wird oft sehr emotional diskutiert. Wir liefern die Fakten

Einfach die Zeit zurückdrehen oder den Reset-Knopf drücken: So manche Frau, die ungewollt schwanger ist, wünscht sich nichts sehnlicher als das. Nur leider funktioniert es so nicht. Es steht eine sehr schwerwiegende Entscheidung an.

In Deutschland gab es 2017 rund 101.000 Abtreibungen. Nachdem die Zahl jahrelang kontinuierlich sank – 2006 lag sie noch bei fast 120.000 – stieg sie 2017 wieder leicht an. Aber unabhängig von den jährlichen Schwankungen – auf Null wird die Zahl nie sinken. "Es kann passieren, dass Sie vollkommen ungewollt schwanger werden", sagt Dr. Ines Thonke von Pro Familia. "Sexualität ist nicht rational." Der Verstand schaltet sich dabei aus, und zwar nicht nur, wenn etwa Alkohol im Spiel ist.

Hinzu kommt: Auch die sichersten Verhütungsmittel können versagen: Von 1000 Frauen, die eine Spirale haben, wird pro Jahr eine schwanger. Bei der Pille kann die Quote auf 8 von 100 hochschnellen, wenn ein Magen-Darm-Infekt die Runde macht. "Es ist wichtig zu wissen, dass eine ungewollte Schwangerschaft nicht immer mit der eigenen Nachlässigkeit zu tun hat", so die Expertin.

Nicht zuletzt aufgrund der hohen Zahlen ist es wichtig, dass über das Thema Abtreibung informiert und aufgeklärt wird, auch wenn einige radikale Abtreibungsgegner das gerne verbieten lassen möchten und deshalb sogar schon Ärztinnen verklagt haben. Also, nehmen wir einfach mal an, Ihnen oder einer Freundin passiert es irgendwann, dass Sie vor dieser Entscheidung stehen. Hier steht, was Sie wissen müssen.

Bis wann ist eine Abtreibung möglich beziehungsweise erlaubt?

Das Gesetz sagt: Bis zum Ende der 12. Woche nach der Empfängnis ist der Schwangerschaftsabbruch in Deutschland straffrei. Was können Frauen tun, die erst in der 13. Woche feststellen, dass sie schwanger sind, aber das Baby nicht bekommen wollen? Das kommt immer wieder vor, gerade wenn der Zyklus un regelmäßig ist oder die Betroffene eine Schwangerschaft gar nicht für möglich hält – etwa weil die Pille weiter genommen wird. In anderen europäischen Ländern ist im Gegensatz zu Deutschland ein Abbruch auch noch später möglich, etwa in Holland bis zur 22. Woche. Rund 1000 deutsche Frauen jährlich sind Patientinnen in den dortigen Kliniken.

Die beste Grundlage für die Entscheidung pro oder contra Schwangerschaftsabbruch: Informieren. © Fizkes / Shutterstock.com

"In Deutschland gibt es die medizinische Indikation", so Thonke. "Ein Beispiel: Ist eine Frau glaubhaft suizidgefährdet, wäre ein Abbruch unabhängig von der Schwangerschaftswoche straffrei." Auf diese Regelung können sich Patientinnen auch berufen, wenn das ungeborene Kind schwer krank oder behindert ist. Denn auch das kann eine Situation sein, mit der die Mutter so überfordert ist, dass es ihre körperliche oder seelische Gesundheit stark gefährdet. Knapp 4 Prozent der Abtreibungen in Deutschland geschahen 2017 nach einer medizinischen Indikation.

Was muss ich tun, wenn ich mich für eine Abtreibung entscheide?

Vor allem: Ihre Ärztin oder Ihren Arzt konsultieren. Einfach so für morgen einen Termin machen geht allerdings nicht, selbst wenn Sie sich ganz sicher sind oder so schnell wie möglich aus der Situation rauswollen.

Sie müssen zunächst nachweisen, dass Sie sich haben beraten lassen, indem Sie einen sogenannten Beratungsschein vorlegen. Den bekommen Sie bei zahlreichen staatlich anerkannten kommunalen oder freien Trägern, die Schwangerenkonfliktberatungen kostenlos anbieten (siehe Infokasten unten). Die Beratung muss dem Gesetz nach "ergebnisoffen" verlaufen und kann eine große Hilfe sein, die eigenen Gefühle zu sortieren. Zum Zeitpunkt des Abbruchs muss der Schein mindestens 3 Tage alt sein.

Übrigens: Auch einige zertifizierte Ärztinnen und Ärzte machen die Beratungen. Die Ärztin, die Sie berät, darf dann aber nicht auch den Abbruch vornehmen.

Wie genau läuft ein Schwangerschaftsabbruch ab?

Beim Abbruch per OP wird zuerst Ihr Muttermund etwas geweitet. Dazu werden Metallstifte verwendet: zuerst ein ganz dünner, dann ein etwas dickerer, bis der Eingang zur Gebärmutter etwa 5 Millimeter geöffnet ist. Das gelingt leichter, wenn er zuvor per Vaginaltablette erweicht wurde.

Heute erfolgt eine Abtreibung nicht mehr per Kürette, mit der Ihre Ärztin oder Ihr Arzt die Gebärmutter ausschabt, sondern mit einer Art Strohhalm, durch den der Embryo abgesaugt wird. Das Ganze dauert nur wenige Minuten, und Sie sind dabei betäubt. Der Eingriff kann ohne Probleme in örtlicher Betäubung vorgenommen werden, die allermeisten Abbrüche finden aber unter Vollnarkose statt.

Einige Frauen haben danach leichte Schmerzen, weil sich die Gebärmutter zusammenzieht. Darüber hinaus sind Komplikationen wie eine Verletzung der Gebärmutter aber sehr selten.

Wer eine Schwangerschaft per Tablette beendet, schluckt in einer Arztpraxis oder Klinik einen Arzneistoff, der das Schwangerschaftshormon Gestagen ausschaltet. 1,5 bis 2 Tage später folgt eine zweite Tablette mit einem Wirkstoff, der die Gebärmutter zusammenzieht, was wie bei einer starken Regelblutung ziemlich wehtun kann.

Nach der Einnahme bleiben Patientinnen für etwa 3 Stunden in der Klinik oder der Praxis. In diesem Zeitraum kommt es üb­licherweise zu einer Blutung, mit welcher der Embryo ausgestoßen wird. Knapp 17 Prozent der Frauen entschieden sich 2013 für diese Methode, Tendenz leicht steigend. In vielen anderen Ländern ist der Anteil aber deutlich höher, in Schweden sind es beispielsweise etwa 80 Prozent.

Welche Abtreibungsmethode ist besser?

Jenseits der 9. Woche müssen Sie sich diese Frage nicht stellen: Der medikamentöse Abbruch ist dann hierzulande nicht zugelassen. Ansonsten gilt: Das ist eine Typ- und Kostensache. Viele Frauen finden es gut, dass sie von dem chirurgischen Eingriff selbst nichts mitbekommen und dass es geschafft ist, sobald sie die Klinik verlassen haben.

Ein medikamentöser Abbruch zieht sich über mindestens 2 Tage hin und wird bewusst wahrge­nommen. Ein Vorteil ist allerdings: Es ist keine Narkose nötig, die immer noch nicht zu 100 Prozent risikofrei ist. "Außerdem bietet der medikamentöse Abbruch mehr Privatsphäre, das ist für manche Frauen wichtig", sagt Thonke. "In Schweden, Österreich und der Schweiz findet er sogar überwiegend zu Hause statt."

Was kostet eine Abtreibung?

Der medi­kamentöse Abbruch schlägt mit rund 360 Euro zu Buche, der chirurgische mit 460 Euro. Üb­rigens: Eine Abtreibung nach der Beratungsregelung müssen Sie selbst bezahlen. Liegt Ihr Einkommen unter 1143 Euro pro Monat, übernimmt der Staat – allerdings nur, wenn Sie es vor dem Eingriff bei einer gesetzlichen Krankenkasse beantragen (auch dann, wenn Sie privat oder gar nicht krankenversichert sind).

Wenn Sie zum möglichen Kindsvater einen guten Kontakt haben, sollten Sie ihm Ihre Entscheidung mitteilen. © Fizkes / Shutterstock.com

Hat ein Abbruch Auswirkungen auf meine Fruchtbarkeit?

Nein. Das Gerücht hält sich, weil die früher üblichen Ausschabungen häufiger zu Komplikationen geführt haben als die heute gängige Absaugung – ganz zu schweigen von den illegalen Abtreibungen auf dem Küchentisch oder im Badezimmer, die jahrhundertelang die Norm waren.

Welche körperlichen Spuren hinterlässt eine Abtreibung?

Ein Frauenarzt kann Ihrem Körper nicht ansehen, ob sie einmal abgetrieben haben oder nicht. "Sie können davon ausgehen, dass für gewöhnlich keine Spuren zurückbleiben", sagt Dr. Thonke. Selbst wenn Sie zu den ganz wenigen Frauen gehören sollten, bei denen die Gebärmutter verletzt wurde oder sich im Zuge des Eingriffs entzündet hat, lässt sich das später nicht einem Abbruch zuordnen. Es gibt viele andere mögliche Gründe dafür.

Welche Nachwirkungen gibt es bei einer Abtreibung?

Eine Frau erholt sich im Normalfall schnell von einer Abtreibung. Nach einer Operation muss sie1 bis 2 Tage mit leichten bis mittelschweren Schmerzen und Blutungen rechnen, wobei die meisten Frauen in dieser Zeit mit wenigen Schmerztabletten zurechtkommen. Nach 14 Tagen darf sie bereits wieder baden, Tampons benutzen und Sex haben. Beim medikamentösen Abbruch hält die starke Blutung für gewöhnlich einen halben bis ganzen Tag lang an, in den 14 Tagen danach sind leichte Schmierblutungen normal. Schmerzen treten in den ersten Tagen auf.

Wann habe ich mich seelisch von einer Abtreibung erholt?

Das ist sehr unterschiedlich. "Die meisten Frauen sind nach dem Abbruch einfach nur erleichtert", sagt Dr. Thonke. Im Gegensatz zur Darstellung von Abtreibungsgegnern haben diese Frauen sich die Entscheidung nämlich nicht leicht gemacht und haben eine sehr belastende Zeit durchgemacht.

Das sogenannte "Post-Abortion-Syndrom", nach welchem ein Abbruch mit Depressionen, Trauer, Schuld und Scham einhergeht, ist Quatsch. Es gilt Experten als Erfindung von Abtreibungsgegnern. Thonke zufolge gibt es allerdings 2 Konstellationen, die das Risiko für Schwierigkeiten deutlich erhöhen, mit dem Geschehenen fertig zu werden. Die erste ist eine ambivalente Haltung im Vorfeld: Wer sich bis zuletzt nicht sicher war mit der Entscheidung, hadert auch danach öfter. Betroffen sind außerdem Frauen, die bereits vor der ungewollten Schwangerschaft psychische Probleme hatten.

Wenn die Abtreibung medizinisch einwandfrei durchgeführt wird, hat sie keine Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit der Frau. © Fizkes / Shutterstock.com

Wann kann ich nach dem Eingriff wieder mit der Pille anfangen?

Sofort. Sie können am selben Tag die erste Pille nehmen. Wie Sie verhüten wollen, sollten Sie vor dem Abbruch besprechen, sonst ist es möglich, dass Sie in 14 Tagen wieder schwanger werden. Wenn Sie die Spirale wollen, lässt sich die unmittelbar nach dem Abbruch einsetzen. Die Rate der Ausstoßungen sei dann nur ganz minimal erhöht, so Dr. Thonke. Sprechen Sie Ihren Arzt darauf an, sogar wenn es direkt vor dem Eingriff ist. Da ist er nämlich verpflichtet, sich noch einmal Zeit zu nehmen für ein Gespräch.

Gibt es in meiner Region jemanden, der Schwangerschaftsabbrüche vornimmt?

Das ist noch immer nicht überall der Fall. Längst nicht jeder Frauenarzt macht auch Schwangerschaftsabbrüche. "In einigen Regionen im Allgäu müssen Frauen selbst heute noch über 100 Kilometer weit fahren", so Thonke. Für eine Mutter von 3 Kindern oder jemanden mit wenig Geld kann das ein echtes Problem sein. Wo genau in Ihrer Gegend Abbrüche möglich sind, erfahren Sie bei der Beratung.

Wo kann ich mich weiter informieren?

Sehr gute Informationen zum Thema Schwangerschaftsabbruch gibt es auf familienplanung.de. Die Website ist auch mit der Beratungsstellen-Datenbank der Bundeszen­trale für gesundheitliche Aufklärung verlinkt, die mit mehr als 1600 Einträgen fast alle deutschen Schwangerschaftsberatungsstellen umfasst. Per Postleitzahl erhalten Sie eine Auswahl von Angeboten in Ihrer Nähe, unter denen Sie das für Sie am besten passende wählen können. Auch werdende Väter können eine kostenlose Beratung in Anspruch nehmen.

Ausführliche Infos zum Thema stehen auch auf profamilia.de, wo Sie sich die Broschüre "Schwangerschaftsabbruch" herunterladen können, sowie auf abtreibung.at. Die schlichte Website abtreibung-web.de wurde von einer Betroffenen ins Leben gerufen. Obwohl einige Infos nicht mehr ganz aktuell sind, beantwortet die Website viele sehr konkrete Fragen.

Sie sehen also: Eine Abtreibung ist ein relativ unkomplizierterer medizinischer Eingriff, dem aber eine gravierende Entscheidung vorausgeht. Je mehr Sie sich im Vorfeld informieren und mit Sachkundigen austauschen, desto besser sind Sie in der Lage diesen Entschluss zu fassen. Unsere Informationen helfen dabei.

06.11.2018| Diana Helfrich © womenshealth.de
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