Vitaminpräparate Wie sinnvoll sind Vitaminpillen?

Achtung, in manchen Fällen können Vitaminpräparate der Gesundheit schaden! © Dean Dobrot / Shutterstock.com

Sinnvoll, nutzlos oder sogar schädlich – was bringen die Nahrungsergänzungsmittel wirklich? Wir klären auf und geben Tipps

Gehören bei Ihnen Multivitamintabletten, Kräuterblut oder Magnesiumkapseln zum Alltag? Oder wappnen Sie sich immer mit einer Extra-Portion Vitamin C aus der Dose gegen die Erkältungszeit? Rund ein Drittel aller Deutschen nimmt regelmäßig Vitaminpillen oder andere Nahrungsergänzungsmittel ein. Denn Vitamine sind doch gesund – warum sollten Sie da nicht der Ernährung ein bisschen nachhelfen? Wir zeigen Ihnen, ob Vitaminpräparate wirklich sinnvoll sind und wann sie sogar schaden können.

Warum nehmen so viele Menschen Vitamine?

Vitamine sind wichtig, das wissen Sie natürlich. Eine ausgewogene Ernährung mit vielen Vitaminen und Spurenelementen ist die Basis für ein gesundes Leben. Aber im stressigen Alltag bleibt oft nicht die Zeit, um immer frisch zu kochen, und abends auf dem Sofa schmeckt Knabberkram einfach viel besser als ein Apfel. Vitaminpräparate scheinen da der ideale Weg zu sein, Ihrer Gesundheit ohne viel Aufwand etwas Gutes zu tun. Es gibt sie in den verschiedensten Formen: als Brausetabletten, Dragees oder als Saft. Oft schmecken sie lecker und sind dazu noch preiswert. Also greifen viele in der Drogerie oder dem Supermarkt beherzt zu, wenn dort die Packungen mit den Nahrungsergänzungen angeboten werden.

Sind Vitaminpräparate genauso gut wie gesunde Ernährung?

Das Wichtigste einmal ganz vorneweg: "Nahrungsergänzungsmittel können keine einseitige Ernährung kompensieren“, betont die Ernährungswissenschaftlerin Josephine Lauscher vom Vivantes Zentrum für Ernährungsmedizin in Berlin. Eine Tablette ist also niemals Ersatz für eine gesunde Lebensweise. Mit einem ernährungstechnisch ausgewogenen Speiseplan bekommen Sie alle nötigen Vitamine oft sogar an ungewöhnlicher Stelle. "Selbst in eingeschweißtem Brot steckt Vitamin C, weil es dadurch haltbarer gemacht wird", so Lauscher.

Außerdem sind die Vitamine im Essen wesentlich bekömmlicher als in einer Tablette. Der Körper hat nämlich mehr Zeit, um alle Nährstoffe zu verarbeiten, weil Sie länger an einem Stück Obst knabbern als Sie für das Schlucken einer Pille brauchen. So können nach und nach alle Vitamine verstoffwechselt werden. Bekommt der Körper stattdessen zu viele Nährstoffe auf einmal, kann er sie gar nicht alle aufnehmen und scheidet viel wieder aus. Außerdem können Sie sich deshalb kaum mit Lebensmitteln eine Überdosis an Vitaminen zuziehen (ja, das gibt's), weil Sie kaum in so kurzer Zeit so viel essen können, wie dafür nötig wäre.

Nahrungsergänzungsmittel können keine schlechte Ernährung kompensieren © MIA Studio / Shutterstock.com

Sind Vitaminpräparate bei gesunden Menschen sinnvoll?

Eine Nahrungsergänzung ist bei den meisten Menschen weder nötig noch ratsam. "Deutschland ist kein Vitaminmangelgebiet", erklärt die Ernährungswissenschaftlerin. Wer keine Krankheit hat und sich vielseitig und ausgewogen ernährt, versorgt seinen Körper mit genug Nährstoffen. Wer darüber hinaus noch Vitaminpräparate einnimmt, tut seiner Gesundheit möglicherweise nichts Gutes. "Für gesunde Menschen werden Vitaminpräparate nicht empfohlen", so Lauscher. Denn selbst wenn Sie für eine gewisse Zeit zu wenig Vitamine zu sich nehmen, hat der Körper viele Mechanismen, um das auszugleichen. "Für viele Nährstoffe haben wir große Speicher und einige Prozesse können kompensiert werden."
Auch wenn Sie viel Sport treiben oder abnehmen wollen, müssen Sie sich keine Sorgen um Ihren Vitaminhaushalt machen, solange Sie sich immer noch ausgewogen ernähren. Das heißt, wer viel Sport macht, kann und sollte auch mehr essen. Bei der Auswahl einer kalorienreduzierten Ernährungsweise halten Sie sich am besten von einseitigen Modellen wie der Kohlsuppendiät fern. Dann werden Sie höchstwahrscheinlich keinen Mangel an irgendeinem Nährstoff bekommen.

Wer sollte Nahrungsergänzungsmittel einnehmen?

Es gibt aber auch Situationen und Veranlagungen, bei denen es wichtig ist, dass Sie genauer auf die Zufuhr von Nährstoffen achten. Bestimmte Risikofaktoren können dafür sorgen, dass Sie zu wenig Vitamine aufnehmen. Lauscher empfiehlt Ihnen, bei diesen 4 Faktoren mit einem Arzt abzusprechen, ob für Sie eine Nahrungsergänzung sinnvoll sein kann:

  • Sie sind Vegetarierin oder Veganerin
    Wer als Vegetarierin genug tierische Produkte isst, nimmt in aller Regel genug Nährstoffe zu sich. Wenn Sie sich aber nicht ausgewogen genug ernähren oder ganz auf tierische Produkte verzichten, bekommen Sie beispielsweise zu wenig Vitamin B12. Das müssen Sie dementsprechend zusätzlich einnehmen. "Auch Ihren Eisenspiegel sollten Sie regelmäßig von einem Arzt kontrollieren lassen", empfiehlt Lauscher.
  • Sie sind schwanger oder wollen es werden
    "Spätestens 4 Wochen vor der gewünschten Empfängnis sollten Sie damit beginnen, Folsäure einzunehmen", rät Lauscher. Das beugt Missbildungen und Fehlgeburten vor. Aufpassen sollten Sie dagegen mit Vitamin A, eine Überdosis hiervon kann in der Schwangerschaft dem Baby schaden. Lebensmittel mit viel Vitamin A, zum Beispiel Leber, sollten Sie deshalb mit Vorsicht genießen.
  • Sie haben eine Stoffwechselerkrankung
    Wenn Sie beispielsweise Probleme mit der Schilddrüse, Ihrem Magen-Darm-Trakt oder auch bei der Blutbildung haben, sollten Sie regelmäßig Ihr Blut auf einen Mangel testen lassen. Dadurch kann nämlich die Aufnahme oder der Bedarf an bestimmten Nährstoffen aus dem Gleichgewicht geraten. Auch Krankheiten wie Krebs können den Bedarf an Vitaminen und Spurenelementen erhöhen, sodass es hilfreich sein kann, diese zusätzlich einzunehmen. Um eine Wechselwirkung mit der Chemotherapie oder anderen Medikamenten zu vermeiden, müssen Sie aber immer mit Ihrem Arzt absprechen, welche Vitaminpräparate Sie einnehmen sollten.
  • Sie haben eine dunkle Hautfarbe, leben aber in nördlichen Breitengraden
    Wenn die Haut dunkler ist, braucht der Körper stärkere Sonneneinstrahlung, um Vitamin D zu synthetisieren. In den nördlichen Ländern ist die Sonne aber schwächer und vor allem im Winter scheint sie auch weniger als im Süden. So können Menschen mit dunklerer Hautfarbe schneller einen Mangel an Vitamin D bekommen.

Erfüllen Sie einen oder mehrere dieser Faktoren oder fühlen Sie sich generell müde oder kränklich? Dann gehen Sie mit diesem Verdacht zum Arzt und lassen Sie Ihr Blut untersuchen. So können Sie erstens ausschließen, dass keine andere Krankheit hinter den Mangelerscheinungen steckt, und andererseits die Nahrungsergänzung genau auf Ihren Zustand abstimmen lassen.

Um sich gesund zu ernähren, brauchen Sie nicht unbedingt jeden Tag einen Smoothie trinken © puhhha / Shutterstock.com

Ist eine Überdosis Vitamine schädlich?

Wenn Sie Ihre Ernährung ergänzen wollen, sollten Sie niemals einfach losmarschieren und auf eigene Faust irgendwelche Vitaminpillen kaufen, sondern immer erst einmal Ihren Hausarzt befragen! Dort können Sie abklären, ob wirklich ein Mangel vorliegt. Wenn Sie nämlich zu viel eines Vitamins zu sich nehmen, riskieren Sie eine Überdosierung. Allein durch die Ernährung können Sie sich dagegen nicht überdosieren. Lauscher erklärt, was passiert, wenn Sie zu viel des jeweiligen Nährstoffes zu sich nehmen:

  • Bei Vitamin C: Da das Vitamin wasserlöslich ist, wird der Überschuss größtenteils vom Körper ausgeschieden. Wenn Sie aber dauerhaft zu viel Ascorbinsäure zu sich nehmen, riskieren Sie Durchfall oder sogar Nierensteine. Außerdem: Vitamin C ist zwar als Radikalenfänger bekannt, wenn allerdings mehr davon im Körper ist, als er verwerten kann, dreht sich dieser Effekt um. "Die unverarbeiteten Stoffe können dann sogar die Zellen schädigen, statt sie zu schützen", erklärt Lauscher.
  • Bei Vitamin B6: Auch B-Vitamine sind wasserlöslich, deswegen ist eine Überdosis eher selten. "Wer aber über lange Zeit seinem Körper viel zu viel davon zuführt, riskiert Nervenschäden und Hautkrankheiten", erklärt Lauscher. Ähnlich wie bei Vitamin C kann aber auch der Überschuss des Antioxidans Vitamin B6 Schaden anrichten, statt Sauerstoffradikale zu fangen.
  • Bei Vitamin D: Im Gegensatz zu Vitamin C ist Vitamin D fettlöslich, wird also nicht einfach ausgeschieden. Wenn Sie das Vitamin zusätzlich einnehmen, obwohl Sie keinen Mangel haben, erhöht sich auch der Calciumspiegel im Blut. Das kann wiederum in den Nieren ausflocken und sie verkalken. So kann das Organ nicht mehr richtig funktionieren.
  • Bei Eisen- oder Zinkpräparaten: Eisen und andere Spurenelemente beeinflussen sich gegenseitig in der Aufnahme im Körper. Gibt es einen Überschuss an einem Nährstoff, kann das die Aufnahme eines anderen hemmen. Gerade Eisen sollten Sie niemals einfach so einnehmen: "Es gibt Menschen, deren Eisenverwertung gestört ist. Wenn sie zusätzlich Eisen hinzuführen, häuft es sich an und kann sogar giftig werden", warnt Lauscher.

Jetzt schauen Sie einmal auf die Packung Ihrer Vitamintabletten: Dürfen Sie nach der Einnahme überhaupt noch Vitamin C oder andere Spurenelemente zu sich nehmen, oder deckt die Pille schon 100%? Wenn Sie dann noch irgendetwas essen, liegen Sie nämlich schnell über der sogenannten Zufuhrempfehlung und riskieren eine Überdosis. "Die Zufuhrempfehlung auf den Verpackungen sagt aus, welche Menge nicht schädlich für Sie ist", betont Lauscher. Das bedeutet, sofern Sie gesund sind, zeigen die Mengenangaben nicht, wie viel Ihnen das Präparat nutzt, sondern nur, wie lange es Ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht schadet.

Was ist der Unterschied zwischen Vitaminpräparaten und Medikamenten?

Es gibt auch einen gefährlichen psychologischen Effekt bei Nahrungsergänzungsmittel: Oft sind sie optisch kaum von Arzneimitteln zu unterscheiden. Die Verpackungen sehen ähnlich aus, die Pillen stecken sogar manchmal in den typischen Alu-Blistern und Sie nehmen sie auch so ähnlich ein wie ein Medikament. "Deshalb denken viele Menschen, dass sie Vitaminpräparaten genauso vertrauen können wie Medikamenten", erklärt Lauscher. Dabei fallen sie nicht unter die Kategorie der Arzneien, sondern unter die Lebensmittel, was ganz entscheidende Folgen für die Produkte hat. Das sind die wichtigsten:

  1. Die Zusammensetzung der Präparate kann schwanken
    Bevor ein Medikament verkauft werden darf, muss es gründlich geprüft werden. Bei den Nahrungsergänzungsmitteln ist das anders. Sie werden erst untersucht, wenn sie schon auf dem Markt sind, und das auch nur stichprobenartig. Das heißt, dass die Brausetablette, die Sie morgens in Ihr Wasserglas tun, vielleicht noch nie darauf getestet wurde, ob wirklich genau die Vitamine darin stecken, die auf der Verpackung angegeben sind. Außerdem kann die Zusammensetzung von Pille zu Pille sehr schwanken. "Bei Vitaminpräparaten darf der Wirkstoffgehalt um bis zu 50% der angegebenen Menge schwanken, bei Medikamenten liegt die Grenze bei 5%", warnt Lauscher. Dabei macht es auch keinen Unterschied, ob Sie die Tabletten bei dm, Aldi oder in der Apotheke kaufen. Die Qualität ist überall vergleichbar.
  2. Die Werbung muss nicht unbedingt Recht haben
    Auch die Wirksamkeit wird nicht getestet. "Die Werbung für Vitaminpräparate gaukelt den Leuten einen Mangel vor, der bei gesunden Leuten vielleicht gar nicht vorliegt", erklärt die Ernährungsmedizinerin. "Dann wird versprochen, diesen Mangel zu beheben." In der Erkältungszeit sollen Sie zum Beispiel eine Extraportion Vitamin C einnehmen, um sich fitter zu fühlen. Studien über die Wirksamkeit der Vitaminpillen können oft aber nicht eindeutig nachweisen, ob und wie viel die Präparate wirklich helfen.
  3. Nahrungsergänzungsmittel heilen keine Krankheit
    "Bei Vitaminpräparaten nehmen Sie etwas ein, das per Gesetz keine pharmakologische Wirkung haben darf", betont Lauscher. Das bedeutet, dass die Präparate weder eine Krankheit heilen noch verhüten dürfen, sonst würden sie unter die Kategorie der Arzneien fallen.
  4. Wechselwirkungen werden nicht angegeben
    Auch wenn die Vitaminpillen „nur“ Lebensmittel sind, können sie die Wirkung von Medikamenten beeinflussen. "Die Wirkung einer Chemotherapie kann geschwächt oder verstärkt werden, wenn der Körper auf einmal einen Überschuss an Vitaminen durch Nahrungsergänzungsmittel hat", warnt Lauscher. Wenn Sie Rauchen, sollten Sie ebenfalls vorsichtig sein: In einer Studie wurde Rauchern Beta-Carotin verabreicht, was plötzlich einen Ausbruch von Lungenkrebs begünstigt hat, weshalb die Studie abgebrochen werden musste.

Lassen Sie sich nicht von der Werbung in die Irre führen oder verunsichern. Wenn Sie gesund sind und sich vernünftig ernähren, haben Sie aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Mangel, und Vitaminpräparate sind bei Ihnen nutzlos. Wenn Sie trotzdem den Verdacht haben, dass Ihrem Körper etwas fehlt, gehen Sie erst einmal zu einem Arzt. Aber seien Sie sich bewusst: Keine Pille der Welt kann eine gesunde Lebensweise ersetzen.

01.10.2018| Tove Hortmann © womenshealth.de
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