Du springst, landest, wechselst die Richtung und normalerweise denkst du dabei nicht darüber nach, an welchem Zyklustag du gerade bist. Doch genau das beschäftigt die Sportwissenschaft seit Jahren. Denn rund um den Eisprung verändern sich nicht nur deine Hormone. Auch an Bändern und Gelenken lassen sich Unterschiede messen. Macht dich das tatsächlich verletzungsanfälliger?
Was Hormone mit deinen Bändern zu tun haben
Rund um den Eisprung verändert sich die Konzentration verschiedener Sexualhormone, darunter Östrogen – und deren Wirkung endet nicht bei Fortpflanzung und Zyklus. Auch das Gewebe des Bewegungsapparats reagiert auf hormonelle Signale.
Über den Zyklus lassen sich Unterschiede in der sogenannten Bandlaxität messen – also darin, wie viel Bewegung ein Gelenk zulässt. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse fand während der Ovulationsphase im Durchschnitt eine um rund 0,4 Millimeter größere anteriore Knielaxität als während der Follikelphase.
0,4 Millimeter klingen nach wenig. Wissenschaftlich ist der Unterschied trotzdem interessant. Denn plötzlich steht eine ziemlich naheliegende Frage im Raum: Wenn das Knie etwas beweglicher wird, steigt dann auch das Verletzungsrisiko? An dieser Stelle wird die Sache kompliziert.
Denn Bandlaxität bedeutet nicht automatisch weniger Stabilität im Training und erst recht nicht automatisch eine Verletzung. Dein Knie wird schließlich nicht allein von seinen Bändern stabilisiert. Muskeln, Bewegungskontrolle, Technik und neuromuskuläre Steuerung arbeiten permanent mit.
Der Eisprung macht dein Knie nicht auf einmal "locker". Er könnte aber einer von mehreren Faktoren sein, die seine mechanischen Eigenschaften beeinflussen.
Kreuzbandverletzungen stehen besonders im Fokus
Besonders intensiv untersucht die Forschung Verletzungen des vorderen Kreuzbands, kurz ACL. Frauen haben in vergleichbaren Sportarten ein höheres ACL-Verletzungsrisiko als Männer. Besonders relevant sind Sportarten mit schnellen Richtungswechseln, Sprüngen, Landungen und abruptem Abbremsen.
Und tatsächlich finden Studien Unterschiede zwischen einzelnen Zyklusphasen. Die große Meta-Analyse zum Thema kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass das ACL-Verletzungsrisiko während der Lutealphase niedriger war als in Follikel- und Ovulationsphase zusammengenommen. Das klingt zunächst nach einem klaren Fall gegen den Eisprung, ist es aber nicht.
Eine Kreuzbandverletzung entsteht selten aufgrund eines einzelnen Faktors. Auch diese Faktoren spielen eine Rolle:
- Müdigkeit und Schlafmangel
- hohe Trainingsbelastung
- fehlende Regeneration
- Kraft und neuromuskuläre Kontrolle
- Landetechnik und Bewegungsmuster
- Sportart und konkrete Spielsituation
Der Zyklus kann ein Puzzleteil sein. Das gesamte Bild erklärt er nicht.
Warum sich dein Eisprung nicht zum Risikotag erklären lässt
Ein Teil des Problems steckt schon in der Frage nach dem "richtigen" Zyklustag. Der menschliche Zyklus hält sich nämlich nicht zuverlässig an einen Kalender. Wann der Eisprung stattfindet und wie sich Hormone verändern, variiert zwischen Frauen und auch von Zyklus zu Zyklus.
Das macht die Forschung schwierig. Studien arbeiten mit unterschiedlichen Methoden zur Bestimmung der Zyklusphasen, verschiedenen Sportarten und teilweise kleinen Teilnehmerzahlen. Aus solchen Daten einen bestimmten Tag abzuleiten, an dem dein Training plötzlich riskanter wird, wäre wissenschaftlich nicht gerechtfertigt.
Für deinen Trainingsplan ist das eine gute Nachricht. Es gibt derzeit keinen überzeugenden Grund, Sprünge, schwere Kniebeugen oder intensive Trainingseinheiten pauschal rund um deinen Eisprung aus dem Kalender zu streichen.
Dein Zyklus ist kein Verletzungs-Countdown.
Was dich besser schützt als jeder Zykluskalender
Statt nach Tagen zu suchen, an denen du dich besser schonst, lohnt sich der Blick auf das, was du tatsächlich beeinflussen kannst – und hier ist die Studienlage deutlich klarer.
Neuromuskuläre Trainingsprogramme kombinieren beispielsweise Kraft, Balance, Agility, Sprung- und Richtungswechseltraining. Eine große systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse von 2025 kam zu dem Ergebnis, dass solche Programme ACL-Verletzungen bei Sportlerinnen um 61 Prozent reduzieren können. Eine weitere aktuelle Meta-Analyse bestätigt den präventiven Nutzen solcher Programme.
Für dich bedeutet das: Trainiere nicht um deinen Zyklus herum – trainiere deinen Körper auf die Belastungen vor, die ihn im Sport erwarten.
Das bedeutet:
- Krafttraining für Beine und Hüfte
- kontrollierte Sprung- und Landeübungen
- Balance und einbeinige Stabilität
- Richtungswechsel und Agility
- saubere Technik auch unter Ermüdung
Natürlich darf dein Tagesgefühl trotzdem mitentscheiden. Wenn du schlecht geschlafen hast, ungewöhnlich erschöpft bist oder dich koordinativ nicht auf der Höhe fühlst, ist es sinnvoll, die Belastung anzupassen – ganz unabhängig davon, was deine Zyklus-App gerade anzeigt.
Das ist kein Training nach Kalender, sondern Training mit Körpergefühl.
FAQ: Häufige Fragen zu Eisprung und Verletzungsrisiko
Es gibt Hinweise auf Unterschiede des ACL-Verletzungsrisikos zwischen einzelnen Zyklusphasen. Die bisherige Studienlage reicht aber nicht aus, um den Eisprung pauschal als Risikophase einzustufen.
Nein, nicht pauschal. Es gibt derzeit keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage dafür, intensive Trainingseinheiten allein aufgrund der Zyklusphase zu reduzieren. Entscheidend sind dein Trainingszustand, deine aktuelle Belastbarkeit und dein individuelles Befinden.
Ja, zumindest am Knie wurden geringe Veränderungen der Bandlaxität über den Zyklus gemessen. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ein höheres Verletzungsrisiko ableiten.
Vollständig verhindern lassen sie sich nicht. Neuromuskuläre Präventionsprogramme mit Kraft-, Balance-, Sprung- und Richtungswechseltraining können das Risiko jedoch deutlich senken. Eine aktuelle Meta-Analyse fand bei Sportlerinnen eine Reduktion von ACL-Verletzungen um 61 Prozent.





