Gefahr durch Gemüse: Können Kidneybohnen & Co. krank machen? Nina Firsova / Shutterstock.com

Wie schädlich sind Lektine wirklich?

Lektine Gefahr durch Gemüse: Können Kidneybohnen & Co. krank machen?

Gemüse, Hülsenfrüchte und Getreide enthalten sogenannte Lektine und sollen plötzlich ungesund sein. Was wirklich dran ist und wie du die Pflanzenstoffe unschädlich machst

Ein heimliches Gift soll uns krank machen. Und das offenbar gerade wegen einer ausgewogenen Ernährung mit viel Gemüse. Das zumindest behaupten Kritiker. Der Grund: Lektine, die in vielen (vermeintlich) gesunden Lebensmitteln vorkommen. Wie gefährlich sind die Pflanzenstoffe für den Körper und welche Lebensmittel sind besonders lektinhaltig?

Wir haben den "NDR Ernährungs Doc" Dr. Matthias Riedl dazu befragt und klären dich auf! Plus: Wir verraten, wie du die sogenannten Anti-Nährstoffe mit ein paar Tricks bei der Zubereitung unschädlich machen kannst.

Was sind Lektine?

Bei Lektinen handelt es sich chemisch gesehen um Eiweißmoleküle, genauer gesagt um Glykoproteine. Zu finden sind sie in allen lebendigen Organismen, vor allem in Pflanzen, sie können aber auch tierischen Ursprungs sein. Lektine dienen in erster Linie der Kommunikation und Interaktion von Zellen und Organismen.

Sie gehören darüber hinaus zu den sogenannten Anti-Nährstoffen und sind vor allem für die Abwehrfunktion zuständig sind. Das heißt, sie sind eine Art natürlicher Verteidigungsmechanismus, mit dessen Hilfe sich Pflanzen gegen Fressfeinde – wie Tiere oder Menschen – schützen, indem sie den Verzehr der jeweiligen Pflanze weniger "schmackhaft" machen.

Warum können Lektine uns schaden?

Über die Nahrung aufgenommen landen Lektine in unserem Darm. Da die Anti-Nährstoffe extrem bindungsfreudig sind, docken sie dort gleich an der Darmschleimhaut an. Was zu zwei Problemen führen kann: Viren sind ebenfalls immer auf der Suche nach Möglichkeiten anzudocken und dein Immunsystem anzugreifen. Da kommen ihnen Lektine, an die sie sich binden können, gerade recht. Außerdem lagern sich die Eiweißmoleküle vor allem am Dünndarm an.

"So können Lektine die Darmflora beeinflussen und zum Beispiel Entzündungen begünstigen. Auch die Nährstoffabsorption können sie so beeinträchtigen", erklärt Dr. Riedl, der als Ernährungsmediziner im Medicum Hamburg tätig ist. Als Bestandteil von Gluten (Weizeneiweiß) können Lektine außerdem für Magen-Darm-Beschwerden beziehungsweise die Immunkrankheit Zöllakie verantwortlich sein.

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Lektine können Magen-Darm-Beschwerden auslösen

Merke: Sowohl Makro-, als auch wichtige Mikronährstoffe, wie Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente, werden über die Darmschleimhaut aufgenommen, um dort über die Blutbahn an die gewünschte Stelle im Organismus zu gelangen. Ist dieser Weg durch Lektine blockiert, können die Nährstoffe nicht richtig aufgenommen werden und fehlen dem Körper.

Welche Lebensmittel sind besonders lektinhaltig?

Die Liste an lektinreichen Nahrungsmitteln ist lang. Vor allem Hülsenfrüchte und Soja sollen aufgrund der enthaltenen Lektine schädlich sein. Doch keine Panik: Die meisten Lektine sind völlig harmlos.

1. Hülsenfrüchte

Egal ob Bohnen, Kichererbsen oder Linsen: Alle Hülsenfrüchte enthalten Lektine. "Der Gehalt hängt jedoch von der jeweiligen Sorte ab und kann stark variieren", so Experte Riedl. Roh darfst du sie deswegen auf keinen Fall essen, mit der Ausnahme von frischen Zuckerschoten.

Komplett aus deinem Speiseplan streichen musst du Hülsenfrüchte auch nicht. Immerhin werden sie selbst von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) als wichtiger Teil einer gesunden Ernährung empfohlen. Was zählt, ist die richtige Zubereitung. Du kannst die Lektine in Hülsenfrüchten ganz einfach ausschalten, indem du die rohen Hülsenfrüchte vor der Zubereitung 8 bis 12 Stunden einweichst und anschließend nach Anweisung kochst. Oder du greifst zu Kidneybohnen, Kichererbsen & Co. aus der Dose, die sind bereits gegart!

2. Gemüse

Gemüse ist nicht nur kalorienarm, sondern versorgt deinen Körper auch mit vielen essenziellen Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen. Neben diesen gesunden Nährstoffen sollen einige Sorten jedoch auch Lektine enthalten und den Organismus dadurch schädigen. Zu den lektinhaltigen Gemüsesorten zählen:

  • Auberginen
  • Gurken
  • Kürbis
  • Paprika
  • Zucchini
  • Tomaten
  • und Zuckerschoten.

Da die umstrittenen Lektine in den Samen und direkt unter der Oberfläche sitzen, soll Schälen eine Möglichkeit sein, die Aufnahme zu reduzieren. Problem: Mit dem Schälen gehen leider auch zahlreiche Vitamine verloren, auf die du eigentlich nicht verzichten solltest.

3. Getreide

Weizen, Roggen, Dinkel, Hafer – auch Haferflocken – sowie Gerste enthalten Lektine. Das gilt außerdem auch für Pseudogetreidesorten wie Bulgur oder Quinoa, aber auch Reis – sowohl weißer als auch Vollkorn- oder Naturreis.

4. Kartoffeln und Mais

In Kartoffeln und Mais, sowie in Kartoffel- und Maisprodukten wie Chips, Pommes oder Maisstärke, kommen ebenfalls Lektine vor. Du siehst: Die komplexen Proteine verstecken sich wirklich überall.

5. Sojaprodukte

Soja ist generell schwer umstritten. Sojaprodukte können aber durchaus eine gute pflanzliche Eiweißalternative für Veganer und Vegetarier sein. Die rohe Sojabohne selbst enthält Lektine, doch die werden durch Verarbeitungsprozesse (zum Beispiel bei der Herstellung von Tofu, Miso oder Tempeh) sowie durch Kochen größtenteils neutralisiert.

6. Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Eier

Hier zählt Qualität. Das Problem liegt nämlich nicht in den tierischen Produkten selbst, sondern im Futter der Tiere. Bei Massentierhaltung wird meist auf billiges Futtermittel gesetzt. Dafür werden nicht selten genmanipulierter Mais oder Soja verwendet. Beides sind wahre Lektin-Bomben. Und die landen dann im Endprodukt. Sprich, wer Lektine meiden möchte, sollte Fleisch, Fisch, Milch, Käse, Joghurt, Eier und Co. in Bioqualität kaufen.

3 Tipps, wie du Lektine im Essen unschädlich machst

Um dich möglichst lektinfrei zu ernähren, müsstest du sehr viele (gesunde) Lebensmittel meiden. Die vermeintlich schädlichen Glykoproteine können jedoch auch anders unschädlich gemacht werden. Lektine sind zwar sehr widerstandsfähig gegenüber Hitze, doch Kochen soll helfen: "Lektine können gemieden werden, indem die Lebensmittel gut abgekocht, gewässert oder fermentiert werden", so Ernährungsmediziner Riedl. Für welche Methode du dich entscheidest, hängt ganz vom Produkt ab.

1. Hülsenfrüchte und Reis einweichen und ausreichend lange kochen

Um die Wirkung der Lektine zu verringern, wird empfohlen, vor allem rohe Hülsenfrüchte (nicht die aus der Dose, die sind nicht gefährlich!) lange genug einzuweichen (8 bis 12 Stunden). Außerdem sollten sie gut durchgekocht werden – mindestens 15 Minuten.

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Getrocknete Kichererbsen vor dem Kochen über Nacht einweichen

2. Gemüse schälen oder fermentieren

Gemüse kann – wenn du sensibel auf Lektine reagierst – geschält werden. Wobei hier wiederum andere wichtige Nährstoffe verloren gehen. Eine weitere empfehlenswerte Methode ist das Fermentieren – eine etwas aufwändigere Prozedur. Dabei wird das Gemüse für etwa 2 Tage in eine Salzlake eingelegt. Klassischerweise wird es so haltbar gemacht, soll aber auch durch Lektine ausgelöste Beschwerden vorbeugen.

Link-Tipp: Was man alles fermentieren kann, welche Zutaten oder Equipment benötigt und Rezeptidee findest du bei fairment. Das Startup vertreibt mittlerweile nicht nur leckeren Kombucha, sondern auch Fermentations-Starterkits & Co.

3. Kartoffeln und Getreide im Schnellkochtopf zubereiten

Ein Schnellkochtopf soll in Sachen Lektine wahre Wunder wirken. Der Druck sowie die hohen Temperaturen sollen die Glykoproteine nämlich unschädlich machen. Das gilt besonders für Kartoffeln und Getreide.

App-Tipp: Mit der App myFoodDoctor bekommst du eine digitale und kostenfreie Ernährungstherapie. Sie zeigt dir Schritt-für-Schritt, wie du sich gesünder ernährst und nach dem sogenannten 20:80-Prinzip von Dr. Riedl abnehmen kannst.

Wie gefährlich sind Lektine?

Mal ist es Gluten, mal Laktose und jetzt sind es Lektine. Immer wieder werden neue "Nahrungsgegner" gefunden, die wir von unseren Tellern verbannen sollen. Ob sie wirklich krank machen? Genau weiß man es nicht. Trotzdem verzichten viele einfach vorsorglich auf Lebensmittel, die solche Stoffe enthalten. So ist das auch bei Lektinen. Als "heimliches Gift" sorgen Lektine vor allem in der Paleo-Szene für Aufruhr.

Die Liste der möglichen Beschwerden und Krankheiten ist lang. Bauchschmerzen, Blähungen, Akne, Hauterkrankungen oder ein geschwächtes Immunsystem. Doch nur weil bei dir einige dieser diffusen Beschwerden auftreten, heißt das noch lange nicht, dass wirklich die umstrittenen Glykoproteine dafür verantwortlich sind. Entscheidend ist vor allem die Menge. "Lektine sind nur in einer sehr hohen Dosis schädlich", gibt Doc Riedl Entwarnung.

Der Experte fasst zusammen: "Lebensmittel, die Lektine enthalten, müssen nicht gemieden, sondern nur abgekocht werden", rät Dr. Riedl. "Durch Abkochen und Wässern können Lektine zum größten Teil zerstört werden. Nur wenn du empfindlich darauf reagierst, sollten sie gemieden werden."

Wirklich schädlich sind Lektine nicht. Die Wirkung der Glykoproteine ist und bleibt umstritten. Sie stecken in so vielen gesunden Lebensmitteln, die solltest du keinesfalls komplett aus deiner Ernährung streichen, sondern die Zubereitungstipps beachten. Rohe Hülsenfrüchte sind tabu – mit Kichererbsen oder Kidneybohnen aus der Dose bist du auf der sicheren Seite.

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