Rotwein hat geschafft, wovon andere alkoholische Getränke nur träumen können: Er trägt bis heute einen Hauch von Wellness im Weinglas. Vor allem das berühmte "eine Glas" gilt vielen nicht nur als Genuss, sondern beinahe als Gesundheits-Tipp. Doch der gesundheitliche Heiligenschein bekommt immer mehr Risse.
Wie gesund 1 Glas Wein wirklich ist
Zwischen „gesund“ und „nicht besonders schädlich“ liegt ein entscheidender Unterschied. Beim berühmten Glas Wein wurden beide erstaunlich lange miteinander verwechselt.
Eine 2026 im Journal of Studies on Alcohol and Drugs veröffentlichte Analyse modellierte die lebenslangen gesundheitlichen Risiken verschiedener Mengen Alkohol in den USA. Dabei betrachtete das Forschungsteam nicht nur einzelne Erkrankungen, sondern die gesundheitliche Gesamtbelastung, einschließlich vorzeitiger Todesfälle und gesundheitlich eingeschränkter Lebensjahre.
Das Ergebnis ist ziemlich ernüchternd: Einen gesundheitlichen Netto-Schutzeffekt konnten die Forscher:innen bei keiner untersuchten Alkoholmenge feststellen. Bereits geringe Mengen waren mit zusätzlichen Gesundheitsrisiken verbunden. Damit bekommt ein altes Argument weiteren Gegenwind: Alkohol zu trinken, weil eine kleine Menge angeblich gesund sei, lässt sich mit diesen Daten nicht begründen.
Warum Frauen beim Krebsrisiko genauer hinschauen sollten
Vor allem beim Krebsrisiko lohnt es sich, genauer hinzusehen. Alkohol kann das Risiko für mindestens 7 Krebsarten erhöhen – darunter Brustkrebs. Für diese Krebsarten gilt der Zusammenhang mit Alkoholkonsum als kausal belegt.
Wie sich das in absoluten Zahlen ausdrücken kann, zeigt ein Bericht des US Surgeon General von 2025: Von 100 Frauen, die im Durchschnitt weniger als 1 alkoholisches Getränk pro Woche konsumieren, erkranken demnach im Laufe ihres Lebens etwa 17 an einer der 7 Krebsarten, für die ein kausaler Zusammenhang mit Alkoholkonsum belegt ist.
Bei durchschnittlich 1 Drink täglich sind es etwa 19 von 100, bei 2 Drinks pro Tag rund 22. Verglichen mit weniger als 1 Drink pro Woche, sind das rechnerisch 2 beziehungsweise 5 zusätzliche Erkrankungen pro 100 Frauen. Was nach kleinen absoluten Unterschieden klingt, kann auf Bevölkerungsebene entsprechend ins Gewicht fallen.
Wichtig: Das sind statistische Lebenszeitrisiken auf Basis von Bevölkerungsdaten. Sie sagen nicht voraus, ob eine einzelne Frau an Krebs erkranken wird. Auch andere Faktoren beeinflussen das persönliche Risiko.
Rotwein und das Herz
Seinen Ruf als vermeintlich herzgesunder Drink verdankt Rotwein unter anderem älteren Beobachtungsstudien. Darin wurde moderater Alkoholkonsum mit einer besseren Herz-Kreislauf-Gesundheit in Verbindung gebracht.
Doch solche Zusammenhänge beweisen noch nicht, dass der Alkohol dafür verantwortlich war. Menschen, die wenig trinken, können sich auch in anderen Punkten von Vergleichsgruppen unterscheiden.
Ernährung, Bewegung, Einkommen oder der allgemeine Gesundheitszustand können Studienergebnisse beeinflussen. Solche Faktoren lassen sich in Beobachtungsstudien nur begrenzt voneinander trennen.
Die aktuelle Analyse liefert jedenfalls keinen überzeugenden Beleg dafür, dass ein bisschen Alkohol die gesundheitliche Gesamtbilanz verbessert. Wer nicht trinkt, hat auf Basis dieser Daten also keinen gesundheitlichen Grund, wegen eines vermeintlichen Schutzeffekts damit anzufangen.
Und die berühmten Pflanzenstoffe im Rotwein? Polyphenole wie Resveratrol gibt es tatsächlich. Dafür brauchst du allerdings keinen Alkohol: Sie stecken beispielsweise auch in Trauben und Beeren.
FAQ: Was du über Alkohol und Gesundheit wissen solltest
Ein gesundheitlicher Netto-Schutzeffekt lässt sich nach aktuellem Forschungsstand nicht überzeugend belegen. Auch geringe Alkoholmengen sind nicht risikofrei. Wie groß das individuelle Risiko ist, hängt allerdings unter anderem von Konsummenge, Trinkmuster und weiteren persönlichen Faktoren ab.
Alkohol ist ein etablierter Risikofaktor für Brustkrebs. Der kausale Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Brustkrebs ist wissenschaftlich belegt. Das individuelle Risiko hängt von vielen Faktoren ab, statistisch steigt es jedoch mit der konsumierten Alkoholmenge.
Rotwein enthält zwar Polyphenole. Für alkoholbedingte Krebsrisiken ist jedoch vor allem das Ethanol entscheidend. Einen gesundheitlichen Grund, Rotwein gegenüber anderen alkoholischen Getränken zu bevorzugen, gibt es nach aktuellem Forschungsstand nicht.





