Kennst du Sätze wie diese: "Stell dich nicht so an", "Das gehört eben dazu" oder "Das ist bestimmt nur Stress"? Die hören Frauen viel zu oft, wenn sie mit gesundheitlichen Beschwerden Hilfe suchen. Der Fachbegriff dafür: Medical Gaslighting.
Doch was genau steckt dahinter, warum sind besonders Frauen betroffen und wie kann man sich als Patientin dagegen wehren? Im Interview mit Women's Health erklärt Gynäkologe Dr. med. Konstantin Wagner, warum das Problem so tief im Gesundheitssystem verankert ist und welche Beschwerden besonders häufig übersehen werden.
Was genau ist Medical Gaslighting?
Der Begriff Medical Gaslighting wird aktuell viel diskutiert. Was genau steckt eigentlich dahinter?
Dr. med. Konstantin Wagner: Der Begriff Gaslighting an sich existiert übergreifend – nicht nur im Gesundheitssystem, sondern auch in der Kindererziehung oder in zwischenmenschlichen Beziehungen. Im Kern bedeutet er, dass ernstzunehmende Dinge nicht ernstgenommen, sondern lächerlich gemacht oder abgetan werden. Das fängt schon an, wenn ein Kind auf die Knie fällt und man sagt: "Ist ja nichts passiert." Doch, ist es – man ist ja auf die Knie gefallen.
Das geht weiter bis in die Medizin. Gerade in der Frauengesundheit wurde und wird Medical Gaslighting bis heute in schlimmer Form praktiziert. PMS zum Beispiel wurde medial immer mit einem gewissen Maß an Lächerlichkeit behandelt. Und auch die Wechseljahre-Thematik wird im Gesundheitssystem immer noch nicht gut gelehrt. Wenn ich als Ärztin oder Arzt etwas nicht weiß, dann tue ich es eher ab, weil ich mich sonst angreifbar mache, wenn ich zugebe, dass ich es in meinem gesamten Studium kaum gelernt habe.
Das geht aber auch im Elternhaus weiter: Wenn die eigene Mutter sagt "Ach, Periodenschmerzen gehören zum Frausein dazu, stell dich mal nicht so an, das hatten wir alle" – dann ist das ein Paradebeispiel für Gaslighting auf ganz vielen Ebenen. Es fängt bei der Kindererziehung an, geht über den Freundeskreis und reicht bis ins Gesundheitssystem. Wir müssen einfach anfangen, ein größeres Maß an Empathie an den Tag zu legen. Wenn etwas offensichtlich schlimm ist für eine Person, dann kann man das erst einmal ernstnehmen und dann schauen, ob medizinisch etwas dahintersteckt. In der Frauengesundheit ist das ein riesiges Thema: Beschwerden von Frauen wurden über Jahrzehnte ignoriert und nicht ernst genommen.
Endometriose als Paradebeispiel für Medical Gaslighting
Wie weitreichend Medical Gaslighting sein kann, zeigt sich besonders eindrücklich bei der Endometriose, oder?
Dr. med. Konstantin Wagner: Die Endometriose ist ein Paradebeispiel. Ich glaube, erst in den letzten zehn Jahren haben die meisten Menschen überhaupt etwas von Endometriose gehört. Dabei gibt es diese Erkrankung schon seit Jahrtausenden – seit es Frauen gibt. Dadurch, dass auf Social Media so viel Druck erzeugt wurde, hat es sich mittlerweile herumgesprochen, dass diese Erkrankung viel häufiger ist, als man denkt, und dass es unfassbar belastend ist, sie zu haben. Das ist ein ganz klassisches Beispiel dafür, dass mit Millionen von Frauen Medical Gaslighting betrieben wurde, indem man gesagt hat: "Das sind halt Periodenschmerzen, die gehören halt dazu."
Was ist Endometriose?Endometriose ist eine chronische Erkrankung, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter wächst, etwa an Eierstöcken, Bauchfell oder Blase.
Die Beschwerden reichen von starken Regelschmerzen über chronische Unterleibs- und Rückenschmerzen bis hin zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr – die Erkrankung kann aber auch völlig symptomlos verlaufen.
Endometriose gehört zu den häufigsten gynäkologischen gutartigen Erkrankungen: Schätzungen zufolge sind allein in Deutschland etwa zwei bis vier Millionen Frauen betroffen. Da die Symptome so unterschiedlich ausfallen können, dauert auch die Diagnose im Durchschnitt oft Jahre.
Hilft Social Media gegen Medical Gaslighting, oder verschärft es das Problem?
Social Media hat zweifellos dazu beigetragen, dass Themen wie Endometriose sichtbar wurden. Das ist natürlich positiv, da es Bewusstsein schafft. Trotzdem birgt es ja auch Risiken, wenn Menschen ohne medizinischen Hintergrund über Gesundheitsthemen aufklären. Hilft Social Media, oder schadet es am Ende mehr?
Dr med. Konstantin Wagner: Wenn es um Frauengesundheit geht, freue ich mich eigentlich über jeden Beitrag. Aber es bleibt ein zweischneidiges Schwert. Es gibt viele Menschen, die das total seriös und toll betreiben und wirklich Aufklärungsarbeit leisten – im medizinischen Kontext und darüber hinaus. Die wollen den Menschen da draußen einfach helfen, Dinge zu verstehen.
Dann gibt es aber auch diese sogenannten Medfluencer, die noch nie an einem Patienten gearbeitet haben, aber trotzdem Aufklärungsarbeit machen und teilweise völligen Quatsch erzählen. Und wie soll ich als Laie da draußen wissen, wer Ahnung hat und wer nicht? Mir fällt das nicht so schwer, weil ich einen medizinischen Background habe. Aber wenn ich nicht aus der Branche käme, wüsste ich nicht, wem ich trauen kann.
Bei YouTube gibt es immerhin ein Siegel für approbierte Fachleute, also einen Haken, den man nur bekommt, wenn man Nachweise hochgeladen hat, dass man im Gesundheitssektor arbeitet. Das gibt es bei Instagram und TikTok noch nicht. Man muss differenziert bleiben und immer hinterfragen: Was erzählt mir dieser Mensch? Hat er einen inneren Antrieb, ist das etwas Intrinsisches – oder möchte er Geld verdienen? Gerade wenn jemand ständig über Produkte spricht, die man kaufen soll, und Heilversprechen macht, beispielsweise bei Nahrungsergänzungsmitteln, wird es schwierig.
Wie kann sich eine Patientin besser auf den Arztbesuch vorbereiten?
Online informieren hin oder her – bei gesundheitlichen Beschwerden bleibt am Ende oft nur der Gang zur Ärztin oder zum Arzt. Was kann eine Patientin konkret tun, wenn sie dort das Gefühl hat, nicht ernstgenommen zu werden? Hast du Tipps, wie man sich gut auf einen Termin vorbereiten kann, damit die eigenen Beschwerden auch wirklich ankommen?
Dr med. Konstantin Wagner: Wenn ich das Gefühl habe, dass meine Beschwerden abgetan werden und Medical Gaslighting betrieben wird, dann würde ich das – so schwer und unangenehm es auch ist – ansprechen. Einfach sagen: "Ich habe jetzt zehn Minuten meine Beschwerden erklärt und höre nur: Nehmen Sie die Pille, oder: Das gehört eben dazu. Da fühle ich mich nicht ernstgenommen."
Und wenn man merkt, hier kommt man nicht weiter, dann bleibt nur, die Ärztin oder den Arzt zu wechseln. Das ist schwer genug, Fachärzte in Deutschland zu finden, die einen auch aufnehmen, ist ein eigenes Thema.
Folgende Tipps gibt Dr. med. Konstantin Wagner für deinen Termin in der Praxis:
- Beschwerden beobachten: Achte über drei bis vier Monate darauf, welche Symptome auftreten – wann, wo und wie stark.
- Zyklische Muster erkennen: Hängen die Beschwerden mit bestimmten Zyklusphasen zusammen? Treten sie regelmäßig auf?
- Konkret statt diffus schildern: "Eine Woche vor der Periode habe ich immer linksseitige Unterbauchschmerzen" hilft mehr als "Ich habe irgendwie so Schmerzen."
- Veränderungen festhalten: Was ist neu, was hat sich verschlechtert? Am besten schriftlich notieren oder eine Zyklus-App nutzen.
- Nicht aufgeben: Wenn du das Gefühl hast, nicht ernst genommen zu werden – sprich es an. Und wenn du merkst, dass du bei einer Praxis nicht weiterkommst, hör dich im Freundeskreis um und scheue dich nicht, die Ärztin oder den Arzt zu wechseln.
Welche Beschwerden werden am häufigsten übersehen?
Gibt es bestimmte Erkrankungen oder Beschwerden, die besonders häufig zu spät diagnostiziert werden? Was sind Symptome, die Frauen keinesfalls einfach hinnehmen sollten?
Dr med. Konstantin Wagner: Wo fange ich an? Es ist jetzt keine Erkrankung im klassischen Sinne, sondern ein physiologischer Prozess, der aber immer noch viel zu selten erkannt wird: die Wechseljahre. Wenn eine Frau mit Ende 30, Anfang 40 psychische und kognitive Veränderungen schildert – Brain Fog zum Beispiel –, dann wird das nicht unbedingt nur auf Stress zurückzuführen sein. Vielleicht stecken auch erste hormonelle Veränderungen dahinter. Das erlebe ich sehr oft, dass man da einfach nicht weiterkommt.
Dann natürlich die Klassiker wie Endometriose und Schilddrüsenerkrankungen. Für uns Gynäkologinnen und Gynäkologen ist die Schilddrüse mit das wichtigste Hormonorgan, das es gibt, und es wird viel zu selten darauf geschaut. Oder der Eisenmangel: Eine Frau läuft seit zehn Jahren mit Erschöpfung herum, erzählt, dass sie relativ stark und lange blutet und kein Mensch kommt auf die Idee, mal einen Eisenstatus zu machen.
Das sind alles Dinge, die relativ schnell herauszufinden sind. Ich brauche dafür noch nicht mal eine großartige Hormonanalyse – ich muss eigentlich nur zuhören und kann dann gezielt helfen. Beim Eisenmangel zum Beispiel brauche ich zwei, drei Werte, dann steht die Diagnose und ich kann der Frau sagen, was sie ernährungstechnisch umstellen und ob sie ein Nahrungsergänzungsmittel nehmen sollte. Nach drei, vier Wochen wird es ihr besser gehen. Das ärgert mich dann immer, weil es kein Hexenwerk ist, bei solchen Dingen zu helfen.





