Einsamkeit betrifft längst nicht nur Menschen, die viel allein sind. Auch im stressigen Alltag oder trotz sozialer Kontakte fühlen sich viele emotional isoliert. Genau deshalb rückt das Thema immer stärker in den Fokus der Gesundheitsforschung.
Eine aktuelle Untersuchung aus Norwegen zeigt jetzt, dass bereits Zeit in der Natur helfen kann, sich weniger einsam zu fühlen – selbst ohne direkte Interaktion mit anderen Menschen. Besonders entscheidend scheint dabei zu sein, wie verbunden sich Menschen mit ihrer Umgebung fühlen.
Studie zeigt: Natur kann gegen Einsamkeit helfen
Für die Untersuchung analysierten Forschende Daten von mehr als 2.500 Menschen aus der sogenannten Mjøsa-Studie in Norwegen. Das Forschungsprojekt untersucht unter anderem, wie Menschen mit ihrer Umwelt und natürlichen Lebensräumen interagieren. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Health & Place veröffentlicht.
Dabei zeigte sich: Menschen, die regelmäßig Zeit in der Natur rund um den Mjøsa-See – den größten See Norwegens – verbrachten, berichteten seltener von Einsamkeit. Besonders stark war der Effekt bei Personen, die sich emotional mit der Natur verbunden fühlten oder eine enge Bindung zu bestimmten Orten hatten. Die Aktivitäten reichten dabei von Spaziergängen und Schwimmen bis hin zu Angeln oder Bootsfahrten. Selbst winterliche Aktivitäten wie Eisbaden oder Spaziergänge auf gefrorenen Flächen wurden berücksichtigt.
Schnell-Check: Diese Expert:innen ordnen die Ergebnisse der Studie ein Aaron P. Brinen, Assistenzprofessor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften am Vanderbilt University Medical Center
Thea Gallagher, klinische Professorin für Psychologie an der NYU Langone Health
Hillary Ammon, klinische Psychologin am Zentrum für Angststörung in Pennsylvania
Warum Natur beruhigend auf die Psyche wirkt
Warum genau Natur das Gefühl von Einsamkeit reduziert, wurde in der Studie zwar nicht untersucht. Fachleute sehen jedoch mehrere mögliche Erklärungen.
Aaron P. Brinen erklärt, dass Natur vielen Menschen das Gefühl geben kann, Teil von etwas Größerem zu sein. Allein dieses Empfinden kann helfen, sich weniger isoliert zu fühlen. Auch Thea Gallagher betont, dass Einsamkeit häufig mit Stress und einer stärkeren Angst vor Ablehnung verbunden ist. Natürliche Umgebungen beruhigen dieses "Alarmsystem" im Gehirn und machen Menschen emotional offener. Hinzu kommt: Natur wirkt auf viele Menschen grundsätzlich entspannend. Laut Hillary Ammon hilft das dabei, weniger über Sorgen oder negative Gefühle zu grübeln.
Warum auch kleine Naturmomente guttun
Besonders interessant: Laut den Psycholog:innen muss es nicht unbedingt ein Ausflug in die Berge oder ein ganzer Tag im Wald sein. Bereits kleine "Mikro-Natur"-Momente haben positive Effekte – etwa:
- ein Spaziergang in einer begrünten Straße
- eine Pause im Park
- Zeit auf dem Balkon
- Zimmerpflanzen in der Wohnung
- natürliches Tageslicht
- der Blick auf Wasser oder Grünflächen
Gerade für Menschen in Städten lassen sich solche kurzen Naturkontakte leicht in den Alltag integrieren.
Mit diesen Tipps wirkt Zeit in der Natur noch besser
Entscheidend scheint vor allem zu sein, Natur bewusst wahrzunehmen – und nicht nur nebenbei durchs Handy zu scrollen. Psychologin Thea Gallagher empfiehlt deshalb, Zeit draußen als gezielte Strategie für die mentale Gesundheit zu betrachten. Statt sich abzulenken, hilft es, Geräusche, Licht, Gerüche oder Bewegungen in der Umgebung bewusst wahrzunehmen. Auch achtsame Spaziergänge reduzieren Stress und fördern das emotionale Wohlbefinden.
Noch stärker fallen die positiven Effekte laut den Expert:innen aus, wenn Bewegung und soziale Kontakte kombiniert werden – etwa bei Spaziergängen mit Freund:innen oder gemeinsamen Wanderungen.
Warum Einsamkeit nicht nur die Psyche belastet
Einsamkeit gilt mittlerweile als relevantes Gesundheitsthema. Bereits 2023 veröffentlichte der damalige US-amerikanische Generalarzt Vivek Murthy in seiner Empfehlung, dass Einsamkeit nicht nur emotional belastend ist, sondern auch körperliche Folgen haben kann. Frühere Studien brachten chronische Einsamkeit unter anderem mit:
- höherem Stresslevel
- Schlafproblemen
- Depressionen
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- und einem erhöhten Risiko für frühzeitige Sterblichkeit in Verbindung.
Die aktuelle Untersuchung zeigt deshalb vor allem eines: Schon kleine Veränderungen im Alltag können einen Unterschied machen.
FAQ: Häufige Fragen zur Natur und Einsamkeit
Nein. Die Forschenden betonen, dass zwischenmenschliche Beziehungen weiterhin wichtig bleiben. Natur hilft jedoch dabei, Gefühle von Einsamkeit zu reduzieren.
Es gibt keine feste Dauer. Schon kurze regelmäßige Naturmomente können jedoch positive Effekte haben.
Ja. Zeit im Grünen reduziert Stress und steigert das Wohlbefinden.
Auch kleine Naturkontakte – etwa Parks, Bäume oder Pflanzen – haben laut den Psycholog:innen positive Effekte.





