HPU Hämopyrollaktamurie: Stress oder Stoffwechselstörung?

Gerade Frauen sind häufig von Symptomen der Stoffwechselstörung HPU  wie Erschöpfung und Angststörungen betroffen
Erschöpfung und Ängste müssen nicht gleich auf eine Krankheit hindeuten. © Paulik / Shutterstock.com

Wenn du gestresst, ängstlich und erschöpft bist, wird heutzutage gern die Stoffwechselstörung HPU als Grund genannt. Was dahinter steckt

Erschöpfung, Angstzustände oder gar beginnende Depression: Viele Frauen leiden unter diesen Problemen, die unter anderem durch immer hektischere und komplexere Lebensumstände ausgelöst werden.

Aber es scheint, als wären einige viel anfälliger für den Stress als andere. Einige Ärzte und Heilpraktiker behaupten, dahinter könne auch die Stoffwechselstörung HPU stecken. Aber was genau soll das sein, gibt es die überhaupt, und wie gehst du damit um? Wir klären die wichtigsten Fragen:

Was ist HPU?

Als Hämopyrollaktamurie, kurz HPU, bezeichnen Heilpraktiker und einige Ärzte eine angebliche angeborene Störung bei der Entgiftung des Körpers. Menschen mit HPU haben angeblich einen besonderen Stoffwechseltyp, bei dem die Entgiftung nicht so gut funktioniert wie bei anderen. Das macht Betroffene dieser Theorie nach anfälliger für toxische Umwelteinflüsse und/oder Stress. Es gibt allerdings keinerlei wissenschaftlichen Nachweis einer solchen spezifischen Störung.

Der Name soll das Phänomen beschreiben, dass bei der Laboruntersuchung des Blutes (daher der Vorsatz "Hämo-") das Eiweiß Hämopyrollaktam produziert wird, was im Urin (-urie) nachweisbar ist. Um das Eiweiß auszuscheiden, verbraucht der Körper angeblich viele Mikronährstoffe, Betroffene sollen deshalb häufig an einem Mangel an Zink, B-Vitaminen oder Mangan leiden. Ein solcher Mangel kann allerdings auch anderweitig begründet sein.

Abgase und Lärm stressen unseren Körper selbst beim Sport und können so die Stoffwechselstörung HPU begünstigen
Oft ist eine Stunde an der frischen Luft besser als jede Medizin. © Africa Studio / Shutterstock.com

Warum und von wem wird HPU kritisiert?

In der Integrativen Medizin und der Naturheilkunde ist das Interesse an dieser "Stoffwechselstörung" groß. Sonst herrscht eher eine skeptische bis kritische Haltung: Die Schulmedizin sieht HPU bisher als Pseudo-Erkrankung an, vor allem, weil es kaum wissenschaftliche Forschung dazu gibt. "In den wissenschaftlichen Datenbanken und bei den großen hämatologischen Gesellschaften gibt es keine Beweise für dieses Phänomen", sagt der Hämatologe und Ernährungsmediziner Dr. Jann Arends vom Universitätsklinikum Freiburg.

So gibt es keine Studien, die belegen, dass Menschen mit mehr Hämopyrollaktam im Urin anfälliger für Erschöpfung sind. "Auch werden häufig Zahlen oder Fakten genannt, für die es keinerlei Belege gibt, zum Beispiel, dass zirka 10 Prozent aller Frauen und nur 1 Prozent der Männer unter HPU leiden."

Der Hämatologe fürchtet, dass Laien vorschnell bei jedem der sehr unspezifischen Symptomen glauben, HPU zu haben und sich kostspieligen Therapien unterziehen. Weitere Gefahr: Die tatsächliche Ursache für die Beschwerden bleibt womöglich unentdeckt.

Welche Symptome hat HPU?

Keine, an der sich eindeutig eine Krankheit ablesen ließe. Es werden meist häufig vorkommende Beschwerden als "Symptome" ausgegeben. Gern wird gesagt, durch ihre "gestörte Entgiftung" hätten Betroffene es angeblich schwerer, mit den Problemen der heutigen Zeit fertig zu werden. In der HPU-Theorie gelangen sie schnell in eine Abwärtsspirale aus Stress und dessen negative Auswirkungen auf den Stoffwechsel. Als Symptome gelten dann vor allem:

  • Angst- oder Schlafstörungen
  • chronische Erschöpfung
  • Depressionen
  • Allergien oder Unverträglichkeiten
  • Gewichtsschwankungen
  • Probleme bei der Fruchtbarkeit und der Schwangerschaft
  • Beeinträchtigungen der Schilddrüse oder der Nebennierenrinde

All diese Symptome können aber auch andere Ursachen haben oder auf einer Stressbelastung ganz ohne Stoffwechselstörung beruhen. Das abzuklären sollte dein Hauptinteresse sein, ehe du an fragwürdige Diagnosen glaubst oder dir eine Krankheit einreden lässt, die es so wie gesagt nicht gibt.

Gerade Frauen sind häufig von Symptomen der Stoffwechselstörung HPU  wie Erschöpfung und Angststörungen betroffen
Geh achtsam mit deinem Körper um, damit du besser gegen Stress gewappnet bist. © Paulik / Shutterstock.com

Was soll ich bei HPU-Symptomen tun?

Problematisch an diesen Symptomen ist, dass sie vor allem durch den Stress selbst und weniger durch irgendeine mangelnde Entgiftung ausgelöst werden. Nicht jeder, der gestresst ist, leidet gleich unter irgendeiner Krankheit.

Außerdem verbraucht der Körper bei allen Menschen mehr Nährstoffe wie Zink oder Vitamine, wenn er stärker gefordert wird. Ob in diesem Kreislauf aus Belastung und dem Mangel an diesen Nährstoffen die HPU-Störung eine echte Rolle spielt, ist bisher schwer zu bestimmen.

Deshalb sehen viele Mediziner wie etwa Dr. Arends die Diagnose kritisch. Trotzdem ist es immer sinnvoll, bei diesen Symptomen die eigene Lebensweise zu überdenken und sich bestmöglich gegen den Alltagsstress zu wappnen.

Wie stärke ich meinen Stoffwechsel?

So viel stimmt immerhin: Um den Herausforderungen des Alltags körperlich und psychisch gewachsen zu sein, benötigst du einen funktionierenden und widerstandsfähigen Stoffwechsel. Wenn du dich ungewöhnlich gestresst und erschöpft fühlst oder die oben genannten Symptome bei dir erkennst, versuche es zuerst mit diesen 3 Schritten:

1. Lass ein Blutbild machen

Oft liegt bei gestressten Menschen ein Mangel an Spurenelementen wie Zink, B-Vitaminen oder Mangan vor. Lass deshalb bei einem Arzt ein Abbild von den Mineralstoffen und Vitaminen in deinem Blut zu machen. Danach kannst du mit Nahrungsergänzungsmitteln dagegen angehen. Eine Selbstmedikation mit einfachen Zinkpräparaten hat selten Erfolg. Die Nahrungsergänzung solltest du immer mit einem Experten absprechen, eine zu hohe Dosis an B-Vitaminen kann nämlich auch schaden, und Zink-Präparate dämpfen häufig die Aufnahme des Spurenelements Eisen.

Wenn du oft matt und gestresst bist, ist ein medizinischer Check nie verkehrt
Wenn du oft matt und gestresst bist, ist vielleicht eine Lebensumstellung nötig. © Paulik / Shutterstock.com

2. Ändere deine Ernährung

Bevor du es mit Zusatzpräparaten versuchst, solltest du vielleicht anschauen, was du so jeden Tag isst und deine Ernährung optimieren. Je verarbeiteter die Lebensmittel sind, desto weniger Vitamine und Spurenelemente enthalten sie meistens. Koche deshalb möglichst viel selbst mit naturbelassenen Zutaten. Fahr außerdem deine Zufuhr an Zucker und einfachen Kohlenhydraten zurück, sie können den Stoffwechsel besonders belasten. Gifte wie Alkohol oder Nikotin reduziere oder streiche zunächst am besten komplett.

3. Überdenke deine Lebensweise

Ab und zu gehetzt und erschöpft zu sein ist ganz normal. Ist bei dir Stress aber Dauerzustand, solltest du dich bemühen, ihn zu reduzieren oder genug Ausgleich zu schaffen. Das können handyfreie Abende, eine Joggingrunde im Wald oder geräuschdämpfende Kopfhörer im Großraumbüro sein. Das hängt ganz von deinen individuellen Bedürfnissen ab. Auch immer wichtig: Genügend und erholsamer Nachtschlaf. Beobachte, wann du dich gestresst oder überfordert fühlst und wann du dich ruhig und zufrieden fühlst. Wer seinen Stress herunterfährt, stärkt damit den gesamten Körper.

Hab keine Angst, nur weil du dich mal gestresst oder erschöpft fühlst. Achte auf dich, eine ausgewogene Ernährung und genug Ausgleich vom stressigen Alltag. Egal, was sie dir über HPU erzählen, mit einer gesunden Lebensweise machst du garantiert nichts falsch.

25.10.2019| Tove Hortmann © womenshealth.de
Sponsored Section
Aktuelles Heft