HPU Die unterschätzte Stoffwechselkrankheit

Gerade Frauen sind häufig von HPU-Symptomen wie Erschöpfung und Angststörungen betroffen © Paulik / Shutterstock.com

Krankheit oder Mythos? An der Stoffwechselstörung HPU scheiden sich die Geister. Wir erklären, wie der Stoffwechsel Ihre Gesundheit beeinflussen kann

Erschöpfung, Angstzustände oder Depressionen: Viele Frauen leiden unter diesen Problemen, die unter anderem durch unsere immer hektischere und komplexere Lebensumstände ausgelöst werden. Aber es scheint, als wären einige viel anfälliger für den Stress als andere. Machen die irgendetwas falsch? Einige Ärzte und Heilpraktiker sagen, dahinter könne auch die Stoffwechselstörung HPU stecken. Aber was genau ist das, und wie gehen Sie damit um? Wir klären die wichtigsten Fragen:

Was ist HPU?

Die Hämopyrollaktamurie, kurz HPU, bezeichnet eine angeborene Störung bei der Entgiftung des Körpers. "HPU ist keine Krankheit", betont Dr. Lukas Mayerhoff, Facharzt mit Schwerpunkt Integrative Funktionelle Medizin. "Es ist vielmehr ein Stoffwechseltyp, bei dem die Entgiftung nicht so gut funktioniert wie bei anderen. Das macht Betroffene anfälliger für toxische Umwelteinflüsse."

Der Name beschreibt das Phänomen, dass bei der Laboruntersuchung des Blutes (daher der Vorsatz "Hämo-") das Eiweiß Hämopyrollaktam produziert wird, was im Urin (-urie) nachweisbar ist. Um das Eiweiß auszuscheiden, verbraucht der Körper viele Mikronährstoffe, Betroffene leiden deshalb häufig an einem Mangel an Zink, B-Vitaminen oder Mangan. Diese Nährstoffe sind auch an vielen anderen Stoffwechselprozessen beteiligt, die durch den Mangel nicht mehr richtig funktionieren, unter anderem auch die Entgiftung, das Immunsystem oder die Widerstandsfähigkeit gegen Stress.

Warum sind Menschen mit HPU anfälliger für Stress?

Der Stoffwechseltyp, der HPU auslösen soll, ist angeboren. Wie und ob sich die Störung bemerkbar macht, hängt allerdings von unserer Umwelt ab. "Die Epigenetik befasst sich mit den Auswirkungen unserer Lebensweise auf die Gene. Die können nämlich durch äußere Einflusse aktiviert werden", erklärt Mayerhoff. Das bedeutet, dass Menschen mit HPU nicht automatisch krank sind. Doch unser Körper ist viel mehr Umweltgiften ausgesetzt als noch vor 200 Jahren: Abgase, Pestizide, aber auch Stress und eine falsche Ernährung belasten den Stoffwechsel im Körper.

Deshalb treten immer häufiger Fälle von sichtbarer HPU auf, weil die Betroffenen nicht so gut entgiften können und deshalb schwerer mit diesen Umwelteinflüssen zurechtkommen als andere. "Man darf die Auswirkungen des HPU-Stoffwechsels und des Hämopyrollaktams deshalb nicht isoliert betrachten, sondern muss den Menschen im Kontext mit seiner Umwelt sehen", betont Mayerhoff. Es sei nicht HPU selbst, unter dem Betroffene leiden, sondern vielmehr sind es die Anforderungen unserer heutigen technisierten und industrialisierten Welt. Das bringe die Betroffenen schneller an ihre körperlichen Grenzen und mache sie anfälliger für Stress und dessen Folgeerkrankungen.

Auch wenn wir es bewusst kaum wahrnehmen: Unser Körper leidet unter Abgasen und Pestiziden © Africa Studio / Shutterstock.com

Warum und von wem wird HPU kritisiert?

Vor allem in der Integrativen Medizin und der Naturheilkunde ist das Interesse an der Stoffwechselstörung groß. Die Schulmedizin sieht HPU hingegen bisher als Pseudo-Erkrankung an, vor allem, weil es kaum wissenschaftliche Forschung dazu gibt. "In den wissenschaftlichen Datenbanken und bei den großen hämatologischen Gesellschaften gibt es keine Beweise für dieses Phänomen", sagt der Hämatologe und Ernährungsmediziner Dr. Jann Arends vom Universitätsklinikum Freiburg. So gibt es keine Studien, die belegen, dass Menschen mit mehr Hämopyrollaktam im Urin anfälliger für Erschöpfung sind. "Auch werden häufig Zahlen oder Fakten genannt, für die es keinerlei Belege gibt, zum Beispiel, dass zirka 10 Prozent aller Frauen und nur 1 Prozent der Männer unter HPU leiden." Der Hämatologe fürchtet, dass Laien vorschnell bei jedem der sehr unspezifischen Symptomen glauben, HPU zu haben und sich kostspieligen Therapien unterziehen. Also nur ein neuer Gesundheits-Hype ohne tiefere Grundlage?

Dass Frauen häufiger betroffen seien, kann Dr. Mayerhoff nicht bestätigen, aber er glaubt, dass HPU häufig ein bisher unbekannter Auslöser für Folgeerkrankungen ist, sogar bei mehr als 10 Prozent. Der Arzt rät, sich nicht von Personen blenden zu lassen, die die Panik für ihr Geschäft ausnutzen wollen. Trotzdem solle jeder bereit sein, sich unvoreingenommen über das Thema zu informieren, obwohl die Schulmedizin die Krankheit derzeit noch nicht ernst nimmt. "Wenn der Körper scheinbar ohne Grund nicht richtig arbeitet, ist die klassische Lösung schnell eine Psychotherapie. Dabei muss das Problem ganzheitlich angegangen werden und Lebensweise, Ernährung, Stoffwechsel und Psyche miteinbezogen werden", so der Arzt.

Gibt es einen HPU-Test?

Das KEAC-Labor in den Niederlanden bietet als einziges den rechtlich geschützten HPU-Test® an, der sehr präzise die Diagnose verraten soll. "Das Institut befasst sich sehr intensiv mit dem Thema, dennoch gibt es andere Labore, die ähnliche Tests durchführen, die meistens auch schon reichen", erklärt Dr. Mayerhoff. Er rät im ersten Schritt zu einem Online-Fragebogen, wo die Symptome systematisch eingeordnet werden können, und anschließend zu einem Blutbild bei einem Arzt. Wenn Sie HPU haben, heißt das aber nicht direkt, dass Sie krank sind. "Die Diagnose sagt lediglich aus, dass Sie anfälliger sind für die Probleme der heutigen Zeit und besonders auf sich und Ihren Körper achten sollten, um nicht von der belastenden Umwelt eingeschränkt zu werden", betont der Arzt.

Welche Symptome hat HPU?

"Durch die gestörte Entgiftung haben Betroffene es schwerer, mit den Probleme der heutigen Zeit fertig zu werden und gelangen schnell in eine Abwärtsspirale aus Stress und dessen negative Auswirkungen auf den Stoffwechsel", so Mayerhoff. Die Symptome sind seiner Erfahrung nach vor allem:

  • Depressionen
  • Angst- oder Schlafstörungen
  • chronische Erschöpfung
  • Allergien oder Unverträglichkeiten
  • Gewichtsschwankungen
  • Probleme bei der Fruchtbarkeit und der Schwangerschaft
  • Beeinträchtigungen der Schilddrüse oder der Nebennierenrinde

Gehen Sie achtsam mit Ihrem Körper um, damit Sie besser gegen Stress gewappnet sind © Paulik / Shutterstock.com

So lernen Sie, achtsam zu leben

Problematisch an diesen Symptomen ist, dass sie vor allem durch den Stress selbst und weniger durch die fehlende Entgiftung ausgelöst werden. Und nicht jeder, der gestresst ist, leidet gleich unter HPU. Außerdem verbraucht der Körper bei allen Menschen mehr Nährstoffe wie Zink oder Vitamine, wenn er stärker gefordert wird. Ob in diesem Kreislauf aus Belastung und dem Mangel an diesen Nährstoffen die HPU-Störung eine echte Rolle spielt, ist bisher schwer zu bestimmen. Deshalb sehen viele Mediziner wie etwa Dr. Arends die Diagnose kritisch. Trotzdem ist es immer sinnvoll, bei diesen Symptomen die eigene Lebensweise zu überdenken und sich bestmöglich gegen den Alltagsstress zu wappnen.

Wie stärke ich meinen Stoffwechsel?

Egal ob Sie HPU haben oder nicht, um den Herausforderungen des Alltags körperlich und psychisch gewachsen zu sein, benötigen Sie einen funktionierenden und widerstandsfähigen Stoffwechsel. Wenn Sie sich ungewöhnlich gestresst und erschöpft fühlen oder die oben genannten Symptome bei sich finden, rät Dr. Mayerhoff deshalb zu diesen drei Schritten:

1. Lassen Sie ein Blutbild machen

Meistens liegt bei HPU, aber auch allgemein bei gestressten Menschen ein Mangel an Spurenelementen wie Zink, B-Vitaminen oder Mangan vor. Lassen Sie deshalb bei einem Arzt ein Abbild von den Mineralstoffen und Vitaminen in Ihrem Blut zu machen. Danach können Sie mit Nahrungsergänzungsmitteln dagegen angehen. Eine Selbstmedikation mit einfachen Zinkpräparaten dagegen habe laut Mayerhoff selten Erfolg. "Die Therapie mit Ergänzungsmitteln muss individuell auf den Menschen und dessen Blutbild angepasst werden", so der Arzt. Außerdem sollten Sie die Nahrungsergänzung auch immer mit einem Experten absprechen, eine zu hohe Dosis an B-Vitaminen kann nämlich auch schaden, und Zink-Präparate dämpfen häufig die Aufnahme des Spurenelements Eisen.

Natürlich ist es nicht gleich eine Krankheit, wenn Sie oft matt und gestresst sind. Tritt das dauernd auf, ist ein medizinischer Check nie verkehrt. © Paulik / Shutterstock.com

2. Ändern Sie Ihre Ernährung

"Die Dichte an Nährstoffen hat in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen", erklärt Mayerhoff. Je verarbeiteter die Lebensmittel sind, desto weniger Vitamine und Spurenelemente enthalten sie meistens. Kochen Sie deshalb möglichst viel selbst mit naturbelassenen Zutaten. Fahren Sie außerdem Ihre Zufuhr an Zucker und einfachen Kohlenhydraten zurück, sie sollen den HPU-Stoffwechsel besonders belasten. Gifte wie Alkohol oder Nikotin reduzieren Sie oder streichen sie am besten komplett.

3. Überdenken Sie Ihre Lebensweise

Ab und zu gehetzt und erschöpft zu sein ist ganz normal. Ist bei Ihnen Stress aber Dauerzustand, sollten Sie sich bemühen, ihn zu reduzieren oder genug Ausgleich zu schaffen. Das können handyfreie Abende, eine Joggingrunde im Wald oder geräuschdämpfende Kopfhörer im Großraumbüro sein. Das hängt ganz von Ihren individuellen Bedürfnissen ab. Beobachten Sie, wann Sie sich gestresst oder überfordert fühlen und wann Sie sich ruhig und zufrieden fühlen. Wer seinen Stress herunterfährt, stärkt damit den gesamten Körper.

Dr. Mayerhoff sieht in der Diskussion um HPU die Chance, dass sich mehr Menschen bewusst werden, was ihnen wirklich gut tut und was nicht. "Die eigene Gesundheit gibt es nicht von der Stange, da muss jeder seinen eigenen Weg finden", so der Arzt. "Die Behandlung von HPU, aber auch von Stress im Allgemeinen, kann ein wichtiger Schritt sein, sich für eine gesündere Lebensweise zu sensibilisieren."

Haben Sie keine Angst, nur weil Sie sich mal gestresst oder erschöpft fühlen. Achten Sie auf sich selbst, eine ausgewogene Ernährung und genug Ausgleich vom stressigen Alltag, denn egal ob HPU oder nicht, damit machen Sie garantiert nichts falsch.

Buchtipp: "Stoffwechselstörung HPU. Wenn Stress krank macht. Das Selbsthilfe-Programm" von Dr. Tina Maria Ritter (Thieme Verlag, 17,99 €)

06.09.2018| Tove Hortmann © womenshealth.de
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