6 Hormon-Mythen – und was wirklich dahintersteckt

Dr. med. Konstantin Wagner im Interview
6 Hormon-Mythen – und was wirklich dahintersteckt

ArtikeldatumVeröffentlicht am 19.08.2026
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Eine Frau in brauner Kleidung hält sich die Abbildung einer Gebärmutter vor den Unterleib
Foto: Sewcream / GettyImages

Hormone beeinflussen weit mehr als nur den Menstruationszyklus. Sie steuern unter anderem Energie, Schlaf, Stimmung, Stoffwechsel und Fruchtbarkeit und dennoch halten sich rund um den Hormonhaushalt zahlreiche Mythen hartnäckig. Was stimmt wirklich und was gehört ins Reich der Fehlinformationen?

Antworten darauf gibt Dr. med. Konstantin Wagner. Der Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe vermittelt auf seiner Website, seinem YouTube-Kanal und unter dem Namen @gynaeko.logisch auf Instagram wissenschaftlich fundiertes Hormonwissen verständlich und alltagsnah. In seinem neuen Buch "Dein Körper spricht hormonisch" (erhältlich bei Amazon oder Thalia) erklärt er, wie Hormone den weiblichen Körper beeinflussen, welche Beschwerden häufig missverstanden werden und warum es sich lohnt, die Signale des eigenen Körpers besser zu verstehen. Sein Ansatz ist dabei, Beschwerden nicht einzeln zu betrachten, sondern sie als Signale in einem vielschichtigen hormonellen System zu verstehen. Im Gespräch mit Women's Health greift der Experte 6 Hormon-Mythen aus seinem Buch auf und erklärt, was die Wissenschaft tatsächlich dazu sagt.

1. Mythos: "Hormone steuern nur den weiblichen Zyklus"

Du schreibst, dass Hormone viel mehr tun als den Zyklus zu steuern. Welche Aufgaben werden deiner Erfahrung nach am häufigsten unterschätzt?

Dr. Konstantin Wagner: Ich glaube, es wird total unterschätzt, was Hormone alles leisten. Vielen Frauen wird das erst so richtig bewusst, wenn die Hormone weg sind, was dann auf einmal für Beschwerden und Veränderungen hinzukommen können. Man muss wissen, dass fast jede Zelle im Körper Hormonrezeptoren hat, also Andockstellen für Hormone. Besonders deutlich zeigt sich das am Gehirn. Die ersten Veränderungen, die Frauen spüren – so Ende 30, Anfang 40 –, sind oft psychischer Natur: mehr Sorgen, mehr Ängste, schlechterer Schlaf, Gemütsschwankungen. Das sind die ersten kleinen Zeichen, dass sich hormonell etwas verändert. Die wenigsten haben das auf dem Schirm, weil viele eben noch denken, dass die Hormone nur den Zyklus steuern und für Schwangerschaften zuständig sind. Aber von der Zehenspitze bis zu den Haarwurzeln sind Hormone an fast allen Prozessen im Körper beteiligt. Deshalb ist es so wichtig, nicht zu unterschätzen, was Hormone den ganzen Tag leisten – vor allem merkt man es, wenn sie weg sind.

2. Mythos: "Es gibt männliche und weibliche Hormone"

Dass das Hormonsystem viel komplexer ist, als viele annehmen, zeigt sich ja auch noch an anderer Stelle: Du schreibst in deinem Buch, dass es streng genommen keine "männlichen" und "weiblichen" Hormone gibt. Testosteron gilt zwar als das wichtigste männliche Sexualhormon – welche Rolle spielt es aber für die Gesundheit von Frauen und woran kann sich ein Mangel bemerkbar machen?

Dr. Konstantin Wagner: Da hast du das Paradebeispiel rausgenommen. Testosteron kennen glaube ich alle Menschen, aber verorten es irgendwo bei den Männern. Das sind dann immer die, die mit röhrenden Motoren durch die Straßen fahren und sich profilieren wollen. Tatsächlich ist es so, dass Männer zwar etwa 10-mal mehr Testosteron haben als Frauen, aber Frauen haben eben auch Testosteron, und das hat unfassbar viele Wirkungen auf den Körper. Testosteron macht Energie, gibt Kraft, macht selbstbewusst. Wenn es fehlt, kann es zu Leistungseinbrüchen kommen. Und wenn es zu viel ist, das kennen auch viele Frauen, dann zeigt sich das zum Beispiel durch unerwünschte Körperbehaarung, Haarausfall auf dem Kopf oder Hautunreinheiten.

Einen spannenden Fakt habe ich auch im Buch beschrieben: Ein 60-jähriger Mann hat mehr Östrogen als eine gleichaltrige Frau. Wenn man das den Männern erzählt, machen die auch große Augen. Es gibt eigentlich keine männlichen und weiblichen Hormone – das sind alles Hormone, die wir alle in uns tragen, nur in verschiedenen Verhältnissen. Und die haben alle ihre Wirkungen in unserem Körper.

3. Mythos: "Die Wechseljahre bedeuten das Ende der Weiblichkeit"

Du hast ja gerade erwähnt, dass ein Mann mit 60 mehr Östrogen hat, als eine gleichaltrige Frau. Das zeigt recht deutlich, dass sich der weibliche Hormonhaushalt mit den Wechseljahren verändert. Viele assoziieren diese Phase häufig mit Beschwerden oder stellen sie als "Ende der Weiblichkeit" dar. Warum halten sich diese Vorstellungen so hartnäckig und welche Missverständnisse über die Wechseljahre würdest du gerne aufklären?

Dr. Konstantin Wagner: Ich glaube, Menschen mögen Veränderungen nicht. Und immer, wenn es zu Veränderungen kommt, verbinden wir das mit etwas Negativem. Gerade bei den Wechseljahren kommen häufig Beschwerden dazu, sodass die Veränderung schnell als etwas Negatives und als Ende von etwas Gutem wahrgenommen wird. Bei der Pubertät sehen wir das interessanterweise ganz anders: Die ist auch eine Phase mit hormonell völligem Chaos, aber wir ordnen sie dem Erwachsenwerden zu und das ist etwas Positives. In die andere Richtung, bei den Wechseljahren, wird es plötzlich als Abstieg wahrgenommen.

Unterm Strich ist es ein biologischer Prozess, der passiert. Da kommen wir nicht drumherum. Aber Veränderung muss nicht immer schlecht sein. Wenn Beschwerden da sind, ist es an uns Ärztinnen und Ärzten, den Frauen zu helfen. Nicht nur durch Medikamente, sondern auch durch den Lebensstil. Dafür muss man aber wissen, was man tun kann.

Und andersherum gibt es ganz viele Frauen, die diese Phase unfassbar wertvoll finden: Man muss sich nicht mehr um Verhütung kümmern, Menstruationsbeschwerden oder Endometriose können besser werden, und viele fühlen sich auch in ihrer Sexualität befreiter. Ich erlebe in der Praxis auch viele Frauen, die diese Phase als sehr positiv wahrnehmen. Veränderung ist nicht immer schlecht – wir müssen nur dafür sorgen, dass Frauen, die Hilfe brauchen, diese auch bekommen.

4. Mythos: "PMS ist Einbildung"

Wo wir gerade beim Thema Menstruationsbeschwerden waren: Die sind leider für viele Frauen Realität. Warum wurde PMS deiner Meinung nach trotzdem lange Zeit als "übertrieben" oder "psychisch" abgetan und was passiert hormonell im Körper, wenn Frauen unter PMS leiden?

Dr. Konstantin Wagner: Es wurde über sehr lange Zeit – und das auch in Filmen, Serien oder normal im Alltag – vorgelebt, dass PMS Einbildung ist oder man sich nur anstellt. Was da hormonell kurz vor der Periode passiert, welche Abbrüche an Hormonleveln stattfinden und dass das Gehirn das überhaupt nicht mag, das wurde dabei komplett ignoriert.

Frauen mit ausgeprägtem PMS oder sogar PMDS haben teilweise völlig normale Hormonspiegel, wenn man sie bestimmt. Aber was manches Gehirn überhaupt nicht mag, ist ein Entzug. Wenn Hormone plötzlich weggenommen werden, reagiert das eine Gehirn extrem darauf, das nächste findet es wiederum gar nicht so schlimm. Das macht es so individuell.

Es gibt unendlich viele Witze, die auf PMS abzielen. Dass Frauen aber in dieser Phase auch extrem leiden können und sich selbst gar nicht wiedererkennen, das wird vergessen. Es wurde immer so ein wenig lächerlich gemacht und Gaslighting betrieben. Dabei kann PMS wirklich einschränkend sein – beruflich, privat, im sozialen Umgang. Die Frau ist dann für vier, fünf Tage wirklich ein anderer Mensch, und das ist extrem schwierig.

Was hormonell passiert: Kurz vor der Periode sacken die beiden Haupthormone ab, also Östrogen und Progesteron. Und wenn die vom Verhältnis her nicht gut stimmen, kann das nochmal heftiger sein. Das ist übrigens auch eines der ersten Dinge, die passieren, wenn man Mitte 40 ist: dass PMS schlimmer werden kann oder zum ersten Mal in Erscheinung tritt.

5. Mythos: "Hormone kann man nicht beeinflussen"

Viele Frauen nehmen ihre hormonellen Beschwerden einfach hin, oder greifen zu Schmerzmitteln. Dabei sind sie dem Hormonhaushalt gar nicht so hilflos ausgeliefert. Du hast bereits erwähnt, dass der Lebensstil einen messbaren Einfluss auf die Hormone haben kann. Welche Faktoren sind wissenschaftlich am besten belegt?

Dr. Konstantin Wagner: Wie du sagst, es geht um einen messbaren Einfluss. Das Tolle an der Wissenschaft ist ja, dass man Dinge auch belegen kann, und unser Lifestyle, die Art und Weise, wie wir mit unserem Körper umgehen, hat einen enormen Einfluss. Ich denke da sofort an die Ernährung. Bei einer gynäkologischen Hormonerkrankung – früher PCO genannt, heute PMO – steht in der Leitlinie ganz oben: Ernährung. Da spielt Insulin eine Rolle, ein unfassbar wichtiges Hormon, das viele gar nicht auf dem Schirm haben. Insulin ist so etwas wie das mächtigste Hormon im gesamten Hormonsystem. Und wenn man es schafft, die Insulinspiegel konstant zu halten und die Blutzuckerschwankungen zu minimieren, geht es den Frauen innerhalb von wenigen Wochen enorm viel besser.

Auch Muskelkraft aufbauen, also das Krafttraining für die Frau ist mittlerweile gut belegt. Es wurde ja lange belächelt, war nur was für Bodybuilderinnen. Heute wissen wir, dass die Muskulatur hormonartige Substanzen aussendet – sogenannte Myokine –, die den Stoffwechsel verbessern.

Gibt es eine Rangfolge, welche Faktoren am wichtigsten sind?

Ich habe da immer eine Therapiepyramide: Die Basis ist Ernährung, Schlaf und Stressmanagement. Dann kommen erst Nahrungsergänzungsmittel und vielleicht irgendwann Medikamente. Mit der Ernährung angefangen, über den Schlaf und den Umgang mit Stress – Rauchen reduzieren, Alkohol reduzieren – hat das fast immer positive Konsequenzen für den Körper und meistens auch für den Geist. Aber es ist gleichzeitig auch das Schwerste. Den Alltag zu durchbrechen, Gewohnheiten aufzubrechen, die wir seit Jahren pflegen, wie zum Beispiel die fünf, sechs Cappuccino am Tag, oder die halbe Tafel Schokolade am Abend. Unsere Medizin funktioniert ja auch oft noch so: Man kommt mit einem Problem zur Ärztin oder zum Arzt und bekommt etwas Medikamentöses dagegen. Das ist natürlich einfach: eine Tablette nehmen und alles wird besser. Aber den Alltag zu durchbrechen und Routinen zu verändern, das ist das Schwierigste und auch das Langwierigste. Es braucht ein paar Wochen, bis man einen Effekt merkt. Aber es funktioniert – und es ist messbar. Mittlerweile gibt es unfassbar viele Studien dazu, welche positiven Einflüsse zum Beispiel die Ernährung auf das Hormonsystem hat.

Gibt es einen konkreten Tipp, womit man anfangen kann?

Dr. Konstantin Wagner: Ich würde damit anfangen, sich mal anzuschauen, was man am Tag so snackt. Und ich meine gar nicht die Schokoriegel, sondern zum Beispiel die drei Latte Macchiato am Tag. Das sind auf einmal 300, 400 Kalorien extra, ohne dass man es merkt. Dann noch ein Proteinriegel aus dem Drogeriemarkt, weil man denkt, der sei gesund – und schon ist man bei 600 bis 700 Kalorien Überschuss. Dazu kommen durch den Milchzucker immer wieder kleine Blutzuckerspitzen, auf die die Bauchspeicheldrüse mit Insulin reagieren muss.

Ich habe das selbst mal ausprobiert und mich, ehrlich gesagt, erschrocken. Als ich das umgestellt habe, war die Energie spürbar besser. Der Körper ist weniger beschäftigt damit, Quatsch zu verdauen. Die Snack-Falle ist die größte Falle. Da nehmen wir Kalorien zu uns, die wir gar nicht spüren. Sie machen uns weder satt, noch macht es uns hungriger, wenn wir sie weglassen. Das ist der erste Schritt, den ich auch meinen Patientinnen empfehle: Schauen wir mal, was wir snacken und lassen wir das erstmal weg oder tauschen es aus.

6. Mythos: "Hormone sind gefährlich"

Spätestens jetzt sollte mehr als deutlich geworden sein, wie wichtig ein bewusster Umgang mit dem eigenen Hormonhaushalt ist. Doch genau das führt bei vielen Frauen auch zu Respekt oder sogar Angst, insbesondere vor einer Hormonersatztherapie. Woher kommt diese Unsicherheit?

Dr. Konstantin Wagner: Das wissen wir ziemlich genau. Es gab in den 2000er-Jahren eine groß angelegte Studie, die WHI-Studie, die eigentlich untersuchen sollte, was Hormone präventiv bewirken können, zum Beispiel in Bezug auf das Herzkreislauf- oder Demenzrisiko. Bei dieser Studie kam dann heraus, dass das Brustkrebsrisiko geringfügig erhöht war. Dann gab es natürlich, wie in den Medien oft, einen Riesenaufschrei und die Hormonersatztherapie wurde quasi über Nacht zunichtegemacht. Sowohl Patientinnen als auch Ärztinnen und Ärzte waren erschrocken und haben aufgehört, Hormone zu verschreiben oder einzunehmen.

Ein paar Jahre später haben die Autoren der Studie selbst revidiert und gesagt: Wir haben es falsch eingeschätzt. Die Studienteilnehmerinnen waren teilweise sehr alt, weit weg von den anfänglichen Wechseljahresbeschwerden, und hatten viele Vorerkrankungen. Das Ganze musste komplett neu eingeordnet werden. Aber da war das Kind schon in den Brunnen gefallen: "Hormonersatztherapie macht Krebs" – das ist in den Köpfen hängen geblieben, bis heute. Ich führe diese Gespräche fast täglich in der Praxis. Heutzutage ist das Gott sei Dank kein Thema mehr in dem Sinne, aber man muss natürlich trotzdem Hormone, wie jedes Medikament, in der richtigen Einsatzmöglichkeit anwenden, um Risiken zu minimieren.

Fazit