Nordic Walking Deshalb ist Nordic Walking total unterschätzt

Spazieren mit Stöcken? Walking ist mehr als das! © pixelrain / Shutterstock.com

Wer Walker sieht, denkt nicht direkt an Leistungssport. Wir beweisen, dass Nordic Walking aber alles andere als easy going ist

Auch wenn oft darüber gespottet wird, tun es Menschen überall. Immer noch sehen Sie in jedem Park und um jeden See Leute mit Stöcken walken. Es muss also irgendwas dran sein. Nordic Walking wird von den bekennenden Joggern und Athleten oft belächelt, da es in den meisten Fällen zugegebenermaßen nicht gerade super-anstrengend aussieht.

Wir haben mit Harald Fichtner gesprochen, dem "Dalai Lama des Nordic Walkings". Er wurde in Finnland als Nordic-Walking-Trainer ausgebildet und ist heute einer der renommiertesten und gefragtesten Lauftrainer Deutschlands. Er hat uns erklärt, warum Nordic Walking für jede Sportlerin gut ist:

Was ist Nordic Walking?

Nordic Walking ist einfach gesagt ein zügiges Gehen mit Unterstützung von Walkingstöcken. Der Trendsport wurde keineswegs, wie viele denken, erst in den späten 90ern "erfunden" – schon in den 50er Jahren wurde der damals noch unter dem Namen Skigang bekannte Sport entwickelt, und zwar von nordischen Skilangläufern. Diese mussten schließlich auch im Sommer trainieren und haben sich mit ihrem Skigang in der Natur fit gehalten. Dazu kamen Sprünge und Bergläufe im so genannten Diagonalschritt, um Schnelligkeit und Ausdauer zu trainieren. Und genau dort und daraus entstand Nordic Walking. 1997 wurde es dann erstmals als Breitensport vorgestellt und seither ist der Sport sehr beliebt: Immerhin walkt rund ein Fünftel der Deutschen!

Nordic Walking kann alles sein: Entspanntes Gehen, aber auch knallharter Sport. © Pixelrain / Shutterstock.com

Harald Fichtner, Gründer des VDNOWAS (Verband der Nordic Walking Schulen) schränkt jedoch ein: "Was man so im Park oder im Wald sieht, ist in den meisten Fällen kein Nordic Walking. Hier stimmen oftmals einfach die Technik und die Intensität nicht." Denn: Nordic Walking ist viel ambitionierter und ziemlich anstrengend. Die Koordination der Beine und Arme in Kombination mit den Stöcken muss gelernt sein. Und vor allem auch korrekt ausgeführt werden, sonst ist es eher ein Gehen mit Hinterherschleifen von Stöcken.

"Die Langläufer haben ja mit Stöcken spezielle Bergauf-Trainings absolviert – glauben Sie mir, diese Berge kommen Sie ohne Stöcke nicht mal ansatzweise hoch! Da ist der Puls schnell im oberen Bereich", so Fichtner. Und auch heute dienen die Stöcke der Unterstützung und der Ganzkörperbelastung. Beim Nordic Walking werden nämlich keinesfalls nur die Beine gefordert.

Was wird beim Nordic Walking trainiert?

Nordic Walking beansprucht auf sanfte, gelenkschonende Weise den gesamten Körper. Denn neben den Beinen werden auch die Hüfte, die Wirbelsäule, die Arme und die Ausdauer trainiert. Walker sollten im Park also nicht belächelt werden, denn auch dieses Workout kann es, wenn richtig durchgeführt, ganz schön in sich haben.

Harald Fichtner: "Nordic Walking ist ein Ganzkörpertraining. Wenn Sie die Stöcke dynamisch einsetzen, haben Sie auch den Oberkörper im Einsatz." Das heißt: Sowohl Bizeps als auch der Rücken und die Arme werden optimal trainiert. "Das Schultergelenk wird beweglicher und der Brustkorb wird aufgedehnt. Und natürlich werden auch die Beine durch das stetige Walken trainiert." Nordic Walking verbessert außerdem die Ausdauer. Deshalb trainiert Fichtner Nordic Walking beispielsweise auch mit Profi-Eishockeyspielern.

Ist Nordic Walking besser als Joggen?

Kommt auf das Trainingsziel an. Wenn Sie Ihren Puls so richtig in die Höhe treiben wollen, ist Nordic Walking nicht ganz richtig. Klar können Sie beim Walken auch schnell gehen, Geschwindigkeiten wie beim Joggen erreichen Sie aber nicht. Die ideale Geschwindigkeit liegt bei ungefähr 5 km/h. Harald Fichtner sagt: "Nordic Walking ist ein schöner, sanfter Einstieg für alle, die gerne mit Ausdauersport beginnen wollen. Wer sich ans Walken gewöhnt hat und die Intensität, Geschwindigkeit und Pulsfrequenz steigern will, kann langsam zum Joggen übergehen."

Nordic Walking hat gegenüber den anderen Ausdauersportarten wie Joggen oder Radfahren jedoch einen ganz wichtigen Vorteil: Es ist sehr gelenkschonend und damit für so gut wie alle geeignet, die sich regelmäßig bewegen wollen.

Nordic Walking ist ein sanftes, gelenkschonendes Ganzkörpertraining. © Jacek Chabraszewski / Shutterstock.com

Wer sollte Nordic Walking nicht machen?

Nordic Walking ist ein Sport für die Masse, fast jede*r kann das Walken mit Stöcken ausprobieren. Sogar stark übergewichtige Menschen können Nordic Walking gut schaffen. "Das ist ja das Schöne beim Nordic Walking! Selbst wenn Sie übergewichtig sind, können Sie walken. Das ist beim Joggen nicht der Fall, da die Gelenkbelastung bei übergewichtigen Personen einfach zu hoch ist. Wer viel Gewicht auf die Waage bringt, sollte langsam mit Sport anfangen, den Körper erstmal durch Walking oder Aquajogging fit machen", so Fichtner.

Allgemein gilt natürlich wie bei jeder neuen Sportart: Wer körperliche Probleme hat, sollte sich vor dem Walken noch mal vom Arzt beraten lassen.

Wie viele Kalorien verbrennt Nordic Walking?

Beim Nordic Walking werden Sie nicht ganz so viele Kalorien verbrennen wie beim Joggen oder auf dem Spinning-Bike. Aber: Wer fit ist, einigermaßen schnell läuft und die Walking-Runden auch mal in den Bergen dreht, kann bis zu 500 Kalorien pro Stunde verbrennen. Das ist immerhin ein ganzes Stück Kuchen und mehr als bei einem Spaziergang!

Wenn Sie sehr schnelles Walken, Walken am Berg oder Sprünge trainieren, kommen Sie aber gern auch mal auf 700 verbrauchte Kalorien.

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Welche Ausrüstung brauche ich fürs Nordic Walking?

Wer mit Nordic Walking anfangen will, braucht erst mal nicht viel. Harald Fichtner empfiehlt drei Dinge: atmungsaktive Kleidung, die den Schweiß nach außen transportiert, normale Laufschuhe und Walkingstöcke.

"Ich würde mich in einem speziellen Sportgeschäft bezüglich der Laufschuhe beraten lassen. Die Experten vor Ort machen meistens eine Laufanalyse und finden so den passenden Schuh für Sie. Wanderschuhe empfehle ich allerdings nicht, die sind viel zu schwer und klobig."

Auch bei den Stöcken ist Vorsicht geboten: Fichtner rät dringend dazu, nur Walkingstöcke und keine Trekkingstöcke zu verwenden. Walkingstöcke haben ein anderes Schlaufensystem, sind leichter und haben ein schöneres Pendelverhalten. Ganz wichtig: Die Stöcke müssen die für Sie passende Länge haben. Am besten gleich im Laden vom Experten anpassen lassen.

Wie bewege ich mich beim Nordic Walking?

Den genauen Bewegungsablauf lassen Sie sich am besten von einer erfahrenen Walkerin erklären. Nur ganz kurz das Wichtigste: Sie bewegen sich in der so genannten Kreuzform. Das heißt, dass sich Arme und Beine "über Kreuz" bewegen. Wenn also Ihr rechtes Bein vorne ist, muss Ihr linker Arm sich hinter Ihrem Körper befinden und umgekehrt.

Auch Fersen und Stöcke sollten immer über Kreuz zeitgleich Bodenkontakt haben, sprich: Berührt der linke Stock den Boden, sollte es auch die rechte Ferse tun. Auch wichtig: Den Stock nicht zu weit vorn einstechen, dann können Sie sich nicht so gut abstoßen und bremsen sich eher selbst aus. Am besten den Stock ungefähr auf Höhe der gegenüberliegenden Ferse oder etwas weiter hinten aufsetzen.

So starten Sie als Anfängerin mit Nordic Walking

Auch wenn es letztlich "nur" Gehen mit Stöcken ist: Harald Fichtner empfiehlt ein oder zwei Stunden mit einem Trainer oder einer Trainerin. Oder Sie schließen Sie sich einer entsprechenden Laufgruppe an. "Es reicht, wenn Sie ein zweimal mit einem Trainer gehen, es müssen nicht gleich 20-Stunden-Kurse sein." Eine App würde Fichtner nicht empfehlen. "Eine App kann Ihnen die Bewegungsabläufe nicht ausreichend erklären und falsche Bewegungen werden nicht korrigiert."

An die Stöcke, fertig, los! Probieren Sie es aus! Auf der Seite des VDNOWAS finden Sie übrigens einen Trainer oder eine Laufschule in Ihrer Nähe. So klappt Ihr Einstieg ins Nordic Walking garantiert.

04.04.2019| © womenshealth.de
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